«Die Arroganz der Zürcher Politik!», sagte Werner Marti in der Fernsehsendung «Arena», also diese Arroganz habe einen Namen: «Das Sechseläuten-Prinzip – alles dreht sich um sich selber und um einen brennenden, laut krachenden Böögg.» Päng! Rund 400'000 Schweizerinnen und Schweizer lauschten der Analyse des Glarner SP-Nationalrats; und die Ohrfeige schmerzte so sehr, dass der Zürcher Gegenspieler Ueli Maurer eine volle Stunde brauchte, um einen Gegenangriff zu formulieren: «Da können wir ja gleich im Glarnerland hinten in Höhlen wohnen!» Aha, da war sie wieder, diese Überheblichkeit gegenüber der so genannten Provinz. Da zeigte der Präsident der SVP, wie man in der Grossstadt Zürich über den Rest des Landes denkt: alles hinterwäldlerische Schmarotzer!

Eine Stadt lebt im Grössenwahn
Anlass der Verbal-Schwinget war die Diskussion um den Fluglärm rund um den Flughafen Kloten – pardon, rund um «Unique Zurich Airport». Dieser liegt ein paar Kilometer nördlich von «Downtown Switzerland», wie «Little Big City» neuerdings heisst. Auch ohne Frühenglisch versteht der Nichtzürcher sofort: Hier findet die grosse, weite Welt statt. Diese Welt ist in Wirklichkeit reichlich klein. Zwischen Üetliberg, Züriberg, Käferberg und Hönggerberg eingequetscht, hockt Zürich da am nördlichen Ende des Sees. Weit davon entfernt, je Weltstadt zu sein.

Welch grenzenloses Selbstbewusstsein braucht es in dieser misslichen geografischen Lage, um angesichts der mickrigen Hügel rundherum von Bergen zu sprechen. Der Walliser, Urner oder Bündner kugelt sich da vor Lachen. Immerhin. Denn der Restschweiz ist nicht allzu oft ums Lachen, wenn von Zürich die Rede ist. Und von Zürich ist fast immer die Rede, wenn eigentlich die Schweiz gemeint ist.

Anzeige

Zürich klagt – die Schweiz freuts In Zürich wird entschieden, wenn in Genf Langstreckenflüge gestrichen werden sollen. Zum Wohle der Schweiz natürlich. Zürich schreit auf, wenn Bundespräsident Moritz Leuenberger nach dem Treffen mit dem deutschen Verkehrsminister Kurt Bodewig einmal mehr ernüchtert feststellen muss, dass zumindest Europa nicht nach der Zürcher Pfeife tanzt. Da glauben die gut betuchten Damen und Herren an der Limmat sofort, die ganze Schweiz müsse jetzt in ein kollektives Klagen verfallen. Aber nichts da! Dass sich nicht nur in Genf so etwas wie Schadenfreude breit macht, übersehen die heimlichen Hauptstädter grosszügig. Genauso wie sie die Bedürfnisse anderer Landesteile nur selten wahrnehmen wollen. Was braucht denn jedes Kaff im Entlebuch eine Poststelle? Und jeder Weiler in der Bündner Surselva einen eigenen Bahnhof? Weshalb sollten Zürcher Kinder bloss Französisch, Italienisch oder gar Romanisch lernen?

Anzeige

Eine Frage – deutsch und deutlich – sei erlaubt: Woher nimmt Zürich bloss diese unsägliche Arroganz? Wer dauernd ohne Grund auf andere herabschaut, darf sich gewiss nicht wundern, wenn deren Solidarität schwindet.

Als Zürichs kantonaler Erziehungsdirektor Ernst Buschor in den neunziger Jahren einmal mehr über die Bücher ging und feststellte, dass der Betrieb der Universität Zürich ein kostspieliger sei, wollte er flugs die Beiträge von Nichthochschulkantonen erhöhen. Und wie! Kantone wie Uri oder Graubünden hatten bis anhin jährlich knapp 9000 Franken für jeden Studierenden berappt. Buschor forderte auf einen Schlag 40'000 pro Schlaumeier. Logisch, dass sich postwendend Widerstand regte. Oder hatte Millionen-Züri wirklich geglaubt, jeder kantonale Säckelmeister würde, den Sechseläuten-Marsch pfeifend, sofort seine Schatulle öffnen? Einen Spalt- breit vielleicht, aber nicht ohne vorher ein wenig zu trotzen.

Anzeige

Schliesslich sind die Zürcher auch nicht gerade zimperlich, wenn es um Dein und Mein geht. St. Gallen kann seit dem Villmergerkrieg 1712 ein Lied davon singen. Damals klaute Zürich den St. Galler Klosterschatz. Seither ist mit den Ostschweizern zumindest in kunsthistorischer Hinsicht nicht mehr gut Olma-Bratwurst essen. Zu Recht fordert die St. Galler Regierung seit Jahren diesen bedeutenden Schatz in die Stiftsbibliothek zurück.

Der laute Moloch sucht Zuneigung
Wehe aber, jemand nimmt den Zürchern etwas weg, etwa den Fussball-Meistertitel. Da geht das Jammern und Lamentieren sofort los. Stehen die Grasshoppers Ende Saison einmal nicht zuoberst in der Tabelle, verkünden die Experten, der Schweizer Fussball stecke in einer Krise. Denn es kann nicht sein, was im Kopf des Zürchers nicht sein darf. Dass St. Gallen (übrigens der älteste Fussballklub der Schweiz) drauf und dran ist, zum zweiten Mal in Folge den Titel zu holen, sehen viele als Revanche für den Raub des Klosterschatzes.

Anzeige

Aber zurück zur eigentlichen Frage: Wieso lässt sich die gesamte Schweiz regelmässig nicht im Bundeshaus Bern, sondern im Schützenhaus Albisgüetli am Stadtrand von Zürich die Kutteln putzen?

Zugegeben: Zehn der 50 grössten Unternehmen der Schweiz haben ihren Sitz in der Limmatstadt. Knapp über 20 Prozent des helvetischen Volkseinkommens werden durch die 17 Prozent in Zürich lebenden Schweizer erwirtschaftet. In Zürich haben Weltkonzerne ihren Sitz. Und einen solchen zu finden ist in Zürich schwierig. Der Leerwohnungsbestand erreicht langsam, aber sicher den Nullpunkt, und auch Büroräume müssen täglich neu geschaffen werden. Zürich darf sich brüsten, die grösste Baustelle im Land zu sein. Na und? Ist das ein Grund, so herumzuproleten?

Klar ist: Der Mensch lebt nicht von der Wirtschaftskraft allein. Das Emmental zum Beispiel stellt den typischen Schweizer Käse her, vom Jurasüdfuss kommen die Uhren und die sprichwörtliche Schweizer Pünktlichkeit. Die Ovomaltine hat Herr Wander in Bern erfunden, im Tessin scheint die Sonne am längsten, in Graubünden liegt mehr Schnee, im Wallis erheben sich die höchsten Berge – und so weiter und so fort. Wo kämen wir denn hin, wenn die Basler bei jeder Gelegenheit für sich reklamierten, sie stellten die Hälfte aller Fieberzäpfchen her? Aufhören!

Anzeige

Aufhören sollten aber auch alle jene, die im Zürcher permanent das Böse an und für sich sehen. Das Gegenteil ist wahr. Würde sich der Zürcher nicht dauernd als grossmäuliger Sieger gebärden, man müsste ihn ja lieben. Denn nirgends stösst ein erdiger Bergler, eine singende Tessinerin oder ein mundartrockender Berner auf mehr Gegenliebe als in Zürich. Nirgends sind Farbtupfer so willkommen wie in diesem grauen, lauten Moloch. Nirgends werden so schnell Freundschaften geschlossen. Und eigentlich wollen die Zürcher doch nur eines: geliebt werden.