Alle vierzehn Tage publizierte der Beobachter eine Kriegschronik. Darin erwähnte er am 30. September 1942 erstmals die Judenverfolgungen im besetzten Frankreich. 26'000 Juden seien aus Paris, 10'000 aus anderen Landesteilen deportiert worden. 5000 bis 8000 obdach- und elternlos gewordene Kinder hätten seither «unvorstellbare Leiden auszuhalten». Die französischen Kardinäle und Bischöfe empörten sich darüber in einem «Aufschrei ihres Gewissens». Das war ein halbes Jahr nach der Wannsee-Konferenz, als die Nazis die «Endlösung der Judenfrage» in einem geheimen Programm festgelegt hatten.

Acht Monate später, im Mai 1943, berichtete der Beobachter über die «deutschen Konzentrationslager», in denen anderthalb Millionen Polen umgekommen seien. Gemäss dem Internationalen Informationskomitee in London seien seit Beginn der Judenverfolgungen in Europa «rund zwei Millionen jüdische Frauen, Männer und Kinder ums Leben gekommen. Weitere fünf Millionen stehen immer noch in unmittelbarer Gefahr.» Glasklare Worte - trotz Pressezensur.

Und am 31. Juli 1944 nennt die Zeitschrift das Grauen beim Namen: «Von rund 400'000 Juden seien nach Mitteilungen der polnischen Regierung der grösste Teil in das 'Vernichtungslager' von Auschwitz verbracht worden, wo sie durch Gas getötet und dann verbrannt werden.» Unter den Deportierten seien «62 Eisenbahnwagen mit Kindern von zwei bis acht Jahren» gewesen. Die Empörung der Redaktion ist förmlich zu spüren, wenn sie schreibt: «Die Ausrottung der Juden erregt den Abscheu der ganzen Welt.»

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«Eine Welle von Erregung»
Der Beobachter war damals in fast jedem zweiten Deutschschweizer Haushalt zu finden. Die Bevölkerung konnte sich also ein Bild über den Terror der Nazis machen - wenn sie wollte. Uber das Flüchtlingselend schrieb das Blatt regelmässig. Im August 1942 sprach Bundesrat Eduard von Steiger vom «vollen Boot», im September debattierte der Nationalrat über die Flüchtlingspolitik. Zur gleichen Zeit empörte sich der Beobachter über die «Unmenschlichkeiten gegenüber Flüchtlingen an unserer Grenze».

Er rief die Leserinnen und Leser auf, Postkarten ins Bundeshaus und an die Fremdenpolizei zu schicken: Man sei bereit, persönlich Flüchtlinge zu beherbergen. «Wir Schweizer wollen diesen vom Schicksal grausam verfolgten Menschen ohne Ansehen der Nationalität, Konfession und Rasse helfen. Und noch können wir Tausende von diesen Schiffbrüchigen aufnehmen, ohne unser eigenes Schiff zu überladen.»

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An Weihnachten 1943 propagierte der Beobachter die Idee eines Weltbundes der Kinder. Die Schweiz solle nach dem Krieg jedes Jahr 100'000 Kinder zu einem Ferienaufenthalt einladen. Diese könnten in privaten Familien und in der notleidenden Hotellerie plaziert werden. Das Kennenlernen und gegenseitiges Verständnis würden den Boden für einen neuen Frieden in Europa legen.

Protest gegen Leisetreterei...
Beobachter-Verleger Max Ras und die beiden Redaktoren Emil Koenig und Herrmann Schneider schrieben eine schnörkellose, volkstümliche Sprache. Sie kritisierten das Lavieren des Bundesrats angesichts der «grauenvollen Judenvernichtung». In einem offenen Brief wandte sich die Redaktion an die Landesregierung: «Zuverlässigen Berichten nach sind mehrere 100'000 ungarische Juden deportiert, vergast und verbrannt worden. Eine unmenschliche Tat, für die jedes Wort des Abscheus zu gering ist.»

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Doch die Behörden hätten anderthalb Wochen geschwiegen: «Wie wohl hätte es Herrn Pilet-Golaz angestanden, nach Bekanntwerden der Schrekkenstaten vors Mikrophon des Landessenders zu treten und im Namen der Schweiz einen dringenden Appell an die Verantwortlichen zu richten.»

Klartext pflegten auch die kritischen Kolumnisten des Beobachters zu reden. Dazu gehörten in den Kriegs- und Vorkriegsjahren: Albert Oeri, Chefredaktor der «Basler Nachrichten», Johann Baptist Rusch, Chefredaktor der «Republikanischen Blätter», und Ernst Schürch, Chefredaktor des «Bunds». Sie alle fanden in der Zeitschrift von Max Ras ein unerschrockenes Forum, mit dem sie ihre Meinung weit über den eigenen Leserkreis hinaus kundtun konnten. Was nicht ganz ungefährlich war.

...und Maulkorb
Das zeigte ein Kommentar im Beobachter vom 22. Mai 1940. Albert Oeri hatte den «ruchlosen Überfall» deutscher Truppen auf die drei neutralen Länder Belgien, Holland und Luxemburg kritisiert. Oeris Text war bereits in den «Basler Nachrichten» erschienen. Als der Beobachter ihn nachdruckte, beschlagnahmte das Stadtkommando Basel die Auflage. Begründung: Das Blatt habe «die gebotene Zurückhaltung in der Beurteilung der politischen Lage» vermissen lassen.

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Doch die Redaktion wehrte sich immer wieder gegen die Unterdrückung des freien Wortes. «Man darf uns nicht daran hindern, die Wahrheit zu sagen!» schrieb sie am 31. August 1944. Leisetreterei in aussenpolitischen Fragen verstärke die Resignation im Volk. Umgekehrt habe der weltweite Protest gegen die Ausrottung der Juden, «dem sich der schweizerische Bundesrat in aller Stille und Heimlichkeit anschloss», bewirkt, dass die Deportation ungarischer Juden eingestellt worden sei. «Hunderttausende von wehrlosen Menschen sind damit dem sicheren Tod entrissen worden.»

Uber nachrichtenlose Konten informierte der Beobachter erstmals im August 1942. Unzähliges herrenloses Gut sei infolge des Krieges «über die ganze Erde verstreut». Nach dem Krieg solle der Staat sich um die «Niemandsgelder» kümmern. Die Redaktion schlägt ein Gesetz vor, das «nicht ein Schlag ins Wasser ist oder zu komplizierten Rechtshändeln Anlass gibt». Nach dem Krieg stellte der Beobachter fest, dass es «auf den Banken viele Tausende von Konten und Wertschriftendepots gibt, welche erst untersucht werden müssen».

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Bei vielen dieser Guthaben werde es sehr kompliziert sein, die Besitzverhältnisse zu klären und die Eigentümer zu finden. Doch eines ist im August 1945 klar: «Alles in die Schweiz verbrachte, von den Deutschen geraubte Gut fällt an die Beraubten zurück.»

Die Versicherungen entlarvt
Auch über das Nazi-Raubgold wurde berichtet: Für «unrechtmässig gehortetes Gut», das durch «internationale Schieberei» in unser Land gelangt sei, forderte der Beobachter die Aufhebung des Bankgeheimnisses. Das war am 28. Februar 1945 - zwei Monate vor Deutschlands Kapitulation. Ob dieser klaren Worte muten viele der 50 Jahre später gemachten «Enthüllungen» etwas schal an.

Selbst die Mitverantwortung schweizerischer Versicherungsgesellschaften war schon damals ein Thema. So schilderte der Beobachter 1951 den Fall eines deutschen Juden, der mit einer schweizerischen Lebensversicherung einen Vertrag abgeschlossen hatte. 1943 war ihm die Staatsangehörigkeit entzogen worden. Die deutsche Regierung legte ihre Hand aufs Vermögen und verlangte von der Versicherung die Ubergabe des Rückkaufswerts.

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Brav gehorchte diese, «um Repressalien von sich abzuwenden». Der betroffene Jude klagte nach dem Krieg gegen die Versicherung und bekam recht - vor Zürcher Gerichten.

Einen riesigen Wirbel löste der Beobachter neun Jahre nach Kriegsende aus: Er enthüllte, dass der berüchtigte «J-Stempel», mit dem die Nazis die Pässe deutscher Juden kennzeichneten, auf schweizerische Initiative zurückging. Die Existenz des «J-Stempels» hatte die Zeitschrift schon 1945 aufgedeckt. Damaliger Kommentar: «Der Antisemitismus ist ein schleichendes Gift. Infiziert er den kleinen Finger, so ist bald der ganze Körper verseucht.»