Das Risiko schien gering, das Angebot verlockend: Während die «New Economy» boomte, konnten die Angestellten der Telekommunikationsfirma Commcare AG im zürcherischen Schlieren monatlich eine Aktie ihres Arbeitgebers erwerben. Ein in holprigem Englisch abgefasster «Employee Shares Purchase Plan», ein Mitarbeiterbeteiligungsplan, regelte die Details, die Geschäftsleitung legte monatlich den Preis der Aktien fest. Bis 500 Franken kostete das Wertpapier, das erst nach zwei Jahren frei verkauft werden durfte. Vor Ablauf dieser Frist, so stand es im Plan, könnten die Aktien nur an Commcare zurückverkauft werden – immerhin mit einem Zins von fünf Prozent. «Wer als guter Mitarbeiter gelten wollte, kaufte Aktien», erinnert sich der Systemingenieur Urs Schwarz, «die Summe wurde jeweils gleich vom Lohn abgezogen.»

Aktien gegen Auto eingetauscht
Die Hoffnungen auf das grosse Geld zerschlugen sich jedoch im Herbst 2001. Wegen eines verlorenen Rechtsstreits gegen die Swisscom geriet Commcare ins Straucheln. Viele Angestellte versuchten darauf, ihre Aktien an die Firma zurückzuverkaufen. Statt Geld bot das Unternehmen den Mitarbeitern an, dass sie Firmenwagen übernehmen könnten. Urs Schwarz schlug ein und tauschte am 5. Dezember 2001 seine Aktien, für die er rund 17'000 Franken bezahlt hatte, gegen einen Honda CR-V ein. Kurz darauf musste Commcare die Bilanz deponieren, die Angestellten verloren ihre Stelle.

Das böse Erwachen kam im September 2003: In einem Brief forderte Franco Lorandi, der Liquidator der konkursiten Firma, von rund 40 ehemaligen Angestellten die Summe zurück, die Commcare für die zurückgekauften Mitarbeiteraktien bezahlt hatte. Noch im Januar 2002 war den Betroffenen schriftlich in Aussicht gestellt worden, dass diejenigen, die ihre Aktien vor der Nachlassstundung zurückgegeben hatten, «wohl Glück gehabt» hätten. Brisant: Die von der Geschäftsleitung ver-fasste Mitarbeiterinformation ging nachweislich über Lorandis Schreibtisch.

Widerrechtliche Rückkäufe?
Anderthalb Jahre später hatte der Wind gedreht: Der Rückkauf der Aktien oder die Verrechnung mit Firmenwagen verstosse gegen das Obligationenrecht, erklärte Lorandi nun. Ausserdem sei Commcare überschuldet gewesen, so dass die Aktien beim Rückkauf wertlos gewesen seien. Damit sei das Schuldbetreibungs- und Konkursgesetz verletzt: «Einer überschuldeten Firma kann man nun einmal keinen Nonvaleur mehr verkaufen», so der Liquidator.

Für die Betroffenen geht es um erhebliche Beträge: Zwischen 6000 und 40'000 Franken sollen sie überweisen. Weil sich die meisten Angeschriebenen weigern, das Geld zurückzuzahlen, hat Lorandi nun Betreibungen eingeleitet: «Sonst würden diejenigen Mitarbeiter benachteiligt, die ihre Aktien zwar zurückgegeben, aber kein Geld erhalten haben.»

Die meisten Betriebenen wollen es jedoch auf einen Prozess ankommen lassen. Ihre Chancen sind intakt: Die angeblich widerrechtlich zurückerhaltenen Summen wurden nämlich von Commcare offiziell als Lohn deklariert und von den Angestellten ordnungsgemäss versteuert. «Damit», so der Zürcher Anwalt und Aktienrechtsspezialist Andreas Gersbach, «gibt es gute Argumente, das Geld aus diesen Aktienrückkäufen faktisch als Lohnbestandteil zu qualifizieren.» Sieht der Richter das auch so, können die Ex-Commcare-Leute die bereits zugestellten Einzahlungsscheine endgültig zerreissen.

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