Miranda tritt aus der Küche auf den Hof. Auf dem linken Arm trägt sie eine grosse irdene Schale. «Eh!», ruft sie und scheucht mit dem Fuss die Hühner weg. Die Bäuerin hatte uns unter ein Schatten spendendes Schilfdach vor dem Waschhaus gesetzt. Alte Fässchen für Olivenöl waren mit Oleanderbüschen bepflanzt und bildeten um uns herum eine üppig rosa und weiss blühende Hecke gegen neugierige Blicke.

«Il salone» nannte Miranda dieses kleine Refugium auf der andern Seite des Hofs. Hier ass ihre Familie am Abend und sonntags die grosse Mahlzeit des Tages. Erst die späten Herbststürme, die jeweils von der Adriaküste her über das Land hinwegfegten, machten dieser Idylle für die Dauer der Wintermonate jeweils ein Ende. Jetzt, da Miranda allein auf «Lo Sguardo» lebt, nimmt sie ihre Mahlzeit in der Küche ein, beim kleinen Tisch am Fenster zum Hof. Von hier aus kann sie die Einfahrt überblicken und die kleine Strasse, die sich von Ripe durch die Hügel heranwindet. Wenn dann eines ihrer Kinder von Ascoli Pescara oder Terrano zu Besuch kommt, bleibt so noch Zeit, den Kaffee aufzusetzen und im «Salone» den Tisch zu decken.

Mirandas Leben ist gut organisiert. Wie sonst hätte sie all das bewältigen können: den grossen Hof, einen Mann, der als Fremdarbeiter in der Schweiz arbeitete, die Kinder, die beiden Elternteile, die auf «Lo Sguardo» ihren Lebensabend verbrachten? «Qualque volta!», sagt Miranda und unterstreicht diese Worte mit einer knappen Bewegung der Rechten.

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Manchmal, wenns ihr wirklich zu viel wurde, fuhr Miranda nach Loreto, ins Heiligtum der Maria. «Sie hat mir immer geholfen», sagt Miranda und bekreuzigt sich schnell.

«Hofgärtner» mit grünem Daumen

Wir sind seit zwei Wochen bei Signora Battista, wie Miranda mit Nachnamen heisst. Alberto, ihr verstorbener Mann, hatte während seiner Schweizer Jahre in der Nähe meiner Eltern gewohnt und in seiner Freizeit unseren Garten bestellt.

Dieser gedieh unter seinen Händen mit geradezu magischer Kraft. Gewächse wie Peperoni und Zucchini, die uns Kindern fremd waren, wuchsen durch Albertos Pflege zu perfekter Küchenreife heran. Auch hellviolette, eierförmige Auberginen lernten wir erst durch Albertos Geschick kennen. Die unbekannten Sämereien dazu brachte er im März jeweils aus seinen «Winterferien» aus Italien mit. Auf Vaters alter Werkbank zog er dann Pflänzchen und versetzte diese zur rechten Zeit in unseren Garten.

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Nach vielleicht zehn Jahren kehrte er für immer nach Italien zurück. Der Kontakt zu unserem «Hofgärtner», wie Mama Alberto stets genannt hatte, brach aber nie mehr ab. Kam das Frühjahr, erreichte uns ein Brief mit seltenen Sämereien. Manchmal gelang sogar dem Vater damit ein gärtnerisches Glanzstück.

Wie ein Märchen aus 1001 Nacht

Jetzt tritt Miranda in die Oleanderlaube und stellt eine Platte mit «Olive ascolane» auf den Tisch. Es sind riesige, mit Kalb- und Schweinefleisch gefüllte grüne Oliven. Sie hat sie zusätzlich in Brotkrumen gewälzt und in Öl ausgebacken. Sie schmecken uns zum kühlen weissen Verdicchio überaus köstlich.

Und dann trägt Miranda, weil es unser letzter Tag auf «Lo Sguardo» ist, noch einmal unsere Lieblingsspeise auf: Lammkoteletts nach Markenart. Ein Gericht, so richtig nach unserem Geschmack: südlich und durch Zugabe von abgeriebener Zitrone und pfeffrigen Chilis mit jener arabischen Würzigkeit, wie sie typisch ist für die süditalienische Küche. Fast wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht!

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