Beobachter: Sie predigen Ethik und Moral an einer Kaderschmiede. Schaut man sich die Schlagzeilen der letzten Wochen an, scheint das bei den Wirtschaftsführern aber nicht zu fruchten. Hören die Ihnen überhaupt zu?

Peter Ulrich: Erst mal vorweg: Ich predige nicht. Ich verstehe unter Ethik etwas ganz anderes. Ethik ist ein Beitrag zur Bewusstseinsbildung. Oft wird Ethik heute allerdings als Moralkeule, als unangenehme Belehrung verstanden. So etwas hat man als freier Bürger und mündiger Mensch natürlich zu Recht nicht gern. Moderne Ethik hilft aber dabei, die eigene Position zu finden im Sinn dessen, was man als verantwortungsbewusste Person vertreten kann und was nicht.

Beobachter: Klingt gut. Trotzdem hören die Konzernbosse nicht auf Sie.

Ulrich: Dafür gibt es eine Erklärung. Im heutigen Wirtschaftsdenken werden Partikularinteressen und eigennütziges Verhalten als etwas ausgegeben, was im Dienst des Gemeinwohls steht. Das ist Ideologie. Ethik ist das Gegengift gegen jede Ideologie. Und wenn man selber von ideologischen Denkmustern profitiert, hat man Ethik halt nicht so gern.

Beobachter: Ethik macht also den Wirtschaftsführern einen Strich durch die Rechnung?

Ulrich: Ja. Aber nur denen, die sich bedingungslos mit dem Glauben an den freien Markt identifizieren. Die lassen sich nicht gern stören. Aber es gibt auch andere, die sich nicht nur als Wirtschaftsfrau oder Wirtschaftsmann sehen, sondern sich auch als Bürger verstehen. Diese fragen sich: Was tue ich da eigentlich als Manager? Ist das vertretbar? Gibt es Grenzen, wie weit ich dem Gewinnprinzip huldige oder nicht? Gibt es noch andere Kriterien als die Erfolgszahlen meiner Firma?

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Beobachter: Die allermeisten Manager sehen doch ihre Verantwortung darin, für ihr Unternehmen möglichst hohe Gewinne zu erwirtschaften.

Ulrich: Manager sind auch nur Menschen. Sie sind nicht per se unmoralischer als andere. Sie stehen aber unter spezifischen Rollenerwartungen, die in den letzten zehn Jahren von einem schrankenlosen Gewinnstreben geprägt waren. Wenn man das den Leuten lange genug in die Köpfe hämmert, führt das zwangsläufig zu einer entsprechenden moralischen Enthemmung. Das Phänomen, dass Führungskräfte das Mass verlieren, abheben und Ansprüche stellen, die nicht mehr vertretbar sind, ist ein Symptom dieses Zeitgeistes, dieser Gewinnideologie.

Beobachter: Sind wir also selber schuld?

Ulrich: Wir als Bürger sind tatsächlich mitschuldig, dass wir uns so ideologisch einlullen liessen. Wir hätten hartnäckiger versuchen müssen, die Kräfte des Marktes einzubinden in das Leitbild einer gerechten Bürgergesellschaft. Wer sonst als die Öffentlichkeit macht den Politikern und Wirtschaftsführern Beine?

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Beobachter: Besteht denn überhaupt noch eine Chance, dass die Bürger und Politiker die Kontrolle über die Wirtschaft zurückerhalten werden?

Ulrich: Als Ethiker bin ich kein Hellseher. Für mich ist aber klar, dass der Versuch, die Kontrolle über die Wirtschaft wiederzugewinnen, eine Frage des politischen Willens ist. Dieser Versuch ist die epochale Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Und das geht nicht von heute auf morgen: Es handelt sich dabei wohl um ein Jahrhundertprojekt.

Beobachter: Wieso wird es so lange dauern?

Ulrich: Weil es sich um einen genauso langwierigen Lern- und Machtverschiebungsprozess handeln wird wie denjenigen, den wir Ende des 19. Jahrhunderts schon einmal erlebt haben. Damals tat sich im Zug der Industrialisierung und eines entfesselten Wirtschaftsbooms eine riesige soziale Schere auf zwischen dem Proletariat und der herrschenden Schicht. Erst die krassen gesellschaftlichen Zuspitzungen führten damals hin zu einer sozialeren Gesetzgebung und Marktwirtschaft.

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Beobachter: War der Raubtierkapitalismus genauso falsch wie der Kommunismus? Stehen wir jetzt an einem Wendepunkt?

Ulrich: Ja, der naive Glaube an den freien Markt ist jetzt in breiten Kreisen futsch. Solange die Leute nur in zwei Varianten denken entweder mehr Staat oder mehr Markt , werden wir aber nicht weiterkommen. Es gibt kein perfektes System, um die gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Der Nebel lichtet sich aber. Ich sehe die heutige Krise als Chance. Es ist entscheidend, dass das Wirtschaftssystem wieder in die Gesellschaft eingebettet wird, und zwar in eine Gesellschaft freier und gleichberechtigter Bürger.

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