Die Diskussionsteilnehmer:

Dario Pasquariello, 31, Informatiker bei einer Grossbank und Präsident eines Zürcher Unihockeyklubs: «Wenn es mir gut geht, dann geht es auch den andern gut.»

Raoul Hottinger, 35, Erwachsenenbildner und «alter Cevi-Hase», verheiratet, Vater von vier Kindern: «Wenn ich mir spontan mal was leiste, dann eine Cremeschnitte.»

Steffi Thierstein, 26, Moderatorin einer Unterhaltungssendung beim Jugendradio 105: «Nur als Egoistin kann ich mein Leben

so führen, wie ich es will.»

Yves Spink, 35, Partyveranstalter und Werber, «Partykönig» genannt: «Ich habe kein Lebensmotto. Ich will Spass haben und bin gern im Mittelpunkt.»

Beobachter: Herr Spink, wann taten Sie das letzte Mal etwas für andere?

Yves Spink: Ich habe kürzlich in Zürich die Nacht der Museen mitorganisiert. Eine wahrlich gute Tat, finde ich, denn die Leute waren anstrengend, und ich habe fast nichts dran verdient.

Beobachter: Frau Thierstein, verhielten Sie sich auch schon einmal so edel?

Steffi Thierstein: Vor gut einem Monat erhielt ich eine E-Mail von einem Hörer, der mir mitteilte, dass er und seine Freundin sich getrennt hätten; er habe aber noch eine Malediven-Reise gebucht, die er nicht allein antreten wolle. Ich solle das doch in meiner Sendung erzählen, vielleicht würde sich eine Mitreisende finden. Normalerweise machen wir so was nicht.

Spink: Da hättest du ja mitgehen können, das wäre eine echt gute Tat gewesen.

Thierstein: (lacht) Ich gab es dann trotzdem in meiner Show durch – und prompt meldete sich eine Frau. Der Typ war total happy. Das fand ich cool.

Beobachter: Herr Hottinger, kümmern Sie sich auch so nett um Ihre Mitmenschen?

Raoul Hottinger: Ich nahm mir diese Woche einen ganzen Tag Zeit für meine Kinder und mich. Wir spielten zusammen, und das tat uns allen gut.

Beobachter: Wie stehts bei Ihnen, Herr Pasquariello?

Dario Pasquariello: Ein Spieler meiner Unihockey-Mannschaft hatte kürzlich einen richtigen Durchhänger. Ich nahm ihn zur Seite, um mit ihm über seine Probleme und Motivationsschwierigkeiten zu reden. Er brauchte jemanden, mit dem er sich austauschen konnte.

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Spink: Was ist überhaupt eine gute Tat? Es geht doch eh immer um Geben und Nehmen. Man muss halt Prioritäten setzen.

Beobachter: Was ist Ihnen besonders wichtig in Ihrem Leben?

Thierstein: Mir ist meine Privatsphäre sehr wichtig, da ich in meinem Job ziemlich exponiert bin und mich viele Leute in einer gewissen Rolle kennen.

Pasquariello: Ich bin überzeugter Single, damit ich jederzeit machen kann, was ich will. Entscheidend ist für mich, ebendiese Freiheit zu haben: machen können, wozu ich gerade Lust habe. Unabhängig sein.

Beobachter: Mit einer Freundin ginge das nicht?

Pasquariello: Schwierig. Da müsste ich mich ja anpassen.

Beobachter: Das klingt aber sehr egoistisch.

Pasquariello: Richtig, aber genau aus diesem Egoismus heraus, dass ich das für mich sagen kann, gehts mir eben gut. Ich bin ein zufriedener Mensch, und weil ich zufrieden bin, kann ich auch den anderen was bieten. Und die sind dann auch zufrieden.

Spink: Ich frage mich halt immer, ob jemand wirklich glücklich und zufrieden ist mit dem, was er tut. Ich selber bin an einem Wendepunkt: Partys machen für andere Leute befriedigt mich nicht mehr richtig. Auch mein Job in der Werbebranche gefällt mir momentan nicht wahnsinnig.

Beobachter: Was zählt für Sie im Leben?

Spink: Ich will einfach Spass haben, aber ich habe kein Lebensmotto. Ich bin gern im Mittelpunkt, gern unter Leuten.

Beobachter: Freiheit, Unabhängigkeit, Spass haben als Lebensinhalt… Herr Hottinger, als vierfacher Familienvater können Sie davon wohl nur träumen.

Hottinger: Ich würde schon auch gern mal einfach losziehen, aber ich bin momentan stark gebunden. Meine Kinder geben mir aber sehr viel. Ich möchte das nicht missen. Ich habe zudem das Glück, dass ich nicht für einen Patron arbeite, sondern für den Schweizer Verband der Christlichen Vereine junger Frauen und Männer (Cevi), eine Organisation, hinter der ich voll stehen kann und die mir Freiheiten lässt. Karrieremässig fehlt mir nichts. Finanziell kann ich mir nicht alles leisten, was ich gern hätte. Da muss ich mich schon einschränken.

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Beobachter: Als Banker sind Sie da in einer angenehmeren Lage, Herr Pasquariello. Was leisten Sie sich?

Pasquariello: Ich habe einen Chevi, einen grossen Geländewagen. Eine richtig schöne, schwarze Kraftmaschine. Dieses Fahrzeug brauche ich, um Sportsachen zu transportieren – das ist praktisch. Für den Alltag habe ich aber noch ein kleineres Auto. Und ich überlege mir, noch ein drittes zu kaufen. Ich gebe zu, ich bin ein Autonarr. Mein Hauskumpan und ich verfügen über acht Parkplätze; es hätte also schon noch Platz für mehr schöne Autos.

Beobachter: Sie verdienen anscheinend reichlich.

Pasquariello: Das stimmt. Bei meinem Job verdient man so viel, dass Ende Monat immer genug übrig bleibt, um sich irgendwas Schönes leisten zu können.

Beobachter: Frau Thierstein, als Radiomoderatorin geht es Ihnen sicher auch nicht schlecht.

Thierstein: Geld ist schon wichtig. Ich verdiene genug. Mein Freund und ich geben unser Geld mit vollen Händen aus. Was reinkommt, wird ausgegeben. Ich brauche mein Geld vor allem für Kleider und Schuhe. Ich finde das überhaupt nicht verwerflich. Ich stehe voll dazu.

Beobachter: Ist Ihnen Ihr Aussehen denn so wichtig?

Thierstein: Ja schon, aber nicht unbedingt nur mein Äusseres. Es ist mehr der Lifestyle, der bei mir stimmen muss. Mir gefällt es, so zu leben, dass ich mir meine eigenen «Spielsachen» leisten kann. Ich geniesse den Kaufakt, das gehört dazu. Samstags gehe ich immer shoppen, eine Art Ausgleich zu meinem hektischen Job. Zwischen 100 und 500 Franken gebe ich auf meinen Shoppingtouren aus.

Spink: Ich gehe nicht shoppen. Aber was ich will, das kaufe ich mir gezielt. Das können Kleider sein oder Kunstobjekte, auf was ich halt grade Lust habe.

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Beobachter: Was leisten Sie sich, Herr Hottinger?

Hottinger: Bei mir liegt nicht viel drin. Aber ich finde es auch schön, wenn man sich nicht alles sofort leisten kann. Darauf sparen und sich freuen ist auch etwas. Wenn ich mir spontan mal was leiste, dann eine Cremeschnitte.

Beobachter: Diese Bescheidenheit ist Ihnen wohl etwas fremd, Herr Pasquariello?

Pasquariello: Es gibt schon auch Sachen, die ich gern hätte, die aber ausserhalb meiner finanziellen Möglichkeiten liegen. Aber im Alltag gibt es nichts, was ich mir nicht leisten könnte. Zwischendurch kann das auch mal etwas Unvernünftiges sein; kürzlich kaufte ich mir spontan eine coole Lederjacke, obwohl mein Schrank schon voller Jacken ist. Völlig unnötig, musste ich mir im Nachhinein sagen. Aber na ja, es tat wenigstens gut.

Beobachter: Wer in dieser Runde engagiert sich eigentlich politisch?

Pasquariello: Politisches Engagement? Ich gebe meine Stimme immerhin an ungefähr 30 Prozent der Abstimmungs- und Wahlwochenenden ab. Wenn man die Schweiz mit dem Ausland vergleicht, haben wir hier schon ein relativ gutes Umfeld. Wobei ich aber das Gefühl habe, es wird langsam zu «verlumpt»: Alles muss man abschliessen, sonst wird es geklaut.

Thierstein: Ich ging mit 19 das letzte Mal stimmen. Ich bin faul in dieser Beziehung. Die Politik wird mir nicht schmackhaft gemacht, und deshalb finde ich es auch zu anstrengend, mich damit zu beschäftigen.

Hottinger: Ich habe mich politisch stets engagiert und nehme, wenn immer möglich, an jeder Abstimmung teil. Bei manchen Themen komme ich aber auch an meine Grenzen.

Pasquariello: Ich verstehe Steffi Thierstein sehr gut. Bei mir kommt oft der Moment, wo ich es einfach zu kompliziert finde. Da müsste man sich stundenlang mit der Materie befassen, bis man drauskäme. Da stellt es mir doch ab. Im Grossen und Ganzen kommen die Abstimmungen immer recht raus. Viele Fehlentscheide gabs bisher jedenfalls nicht.

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Spink: Ich habe resigniert, Politik ist mir egal. Nach der EWR-Abstimmung war ich sehr enttäuscht. Auch die Ablehnung der Armeeabschaffungsinitiative war ein Riesenärgernis. Die können mich mal.

Hottinger: Ich setze mich auch bei meiner Arbeit bei der Cevi mit wichtigen gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinander. Das ist zentral und hat für mich auch immer mit dem Glauben an Gott zu tun: Mich einzusetzen für andere ist ein wichtiges Gebot; Verantwortung zu übernehmen, halte ich für sehr wichtig.

Beobachter: Frau Thierstein, könnten Sie sich vorstellen, sich ehrenamtlich für die Gesellschaft einzusetzen?

Thierstein: Nein, das war für mich noch nie ein Thema.

Beobachter: Würden Sie sich als Egoistin bezeichnen?

Thierstein: Ja, man muss doch egoistisch sein, um zu überleben. Wer das nicht ist, wird ausgenützt. Nur als Egoistin kann ich mein Leben so führen, wie ich es will. Jeder muss sich selbst die wichtigste Person sein im Leben; alles andere ist seltsam.

Pasquariello: Ich verwirkliche mein Leben, aber ich handle deshalb nicht egoistisch. Es klingt vielleicht schizophren, aber wenn es mir gut geht, geht es auch den anderen gut. Ich strahle eine positive Aura aus. Das färbt ab.

Hottinger: Ich wehre mich dagegen, mich selber als Massstab aller Dinge zu sehen. Ich muss Steffi Thierstein da vehement widersprechen.

Spink: (lacht) Ich bin auch kein Egoist, habe aber ab und zu Lust, einer zu sein.