Beobachter: Die Konsumenten wollen immer mehr Bioprodukte, also bauen immer mehr Bauern biologisch an. Wie lange geht der Boom weiter?

Ruedi Baumann: Für mich ist das der Beweis, dass eine wachsende Zahl Menschen bewusster und mit einem guten Gewissen essen will. Prinzipiell sehe ich kein Ende dieses Booms. Allerdings ist der Druck der Chemie- und Saatgutbranche auf die Bauern enorm. Es gibt immer neue Hilfsstoffe zur Ertragssteigerung. Leider wird an den Landwirtschaftsschulen zu wenig auf diese Industrialisierung eingegangen; für viele Jungbauern ist darum ein möglichst hoher Ernteertrag das oberste Ziel. Das führt in letzter Konsequenz zu einer Zweiteilung in «Schutz- und Schmutzgebiete». Ich bin überzeugt, dass im ganzen europäischen Alpenraum nur die Biolandwirtschaft erfolgreich sein kann.

Beobachter: Es gibt aber Bauern, die nur deswegen auf Biolandbau umstellen, weil es mehr Subventionen gibt.

Baumann: Was ist an diesem Anreizsystem schlecht? Problematisch ist das nur, wenn der Bauer bloss das Geld kassiert, aber dafür keine überzeugende Leistung erbringt. Das sind jedoch nur einige wenige schwarze Schafe. Für die Agrarpolitik gibt die Schweiz enorm viel Geld aus. Also soll sie auch verlangen dürfen, dass dafür tier- und umweltgerecht produziert wird. Die Subventionen sollten ausschliesslich aufgrund dieser Kriterien ausbezahlt werden.

Beobachter: Ihr neuer Biobauernbetrieb in der französischen Gascogne ist mit 70 Hektaren siebenmal so gross wie der vorherige im Berner Seeland. Nehmen Sie es jetzt siebenmal weniger genau mit den Biorichtlinien?

Baumann: Ganz und gar nicht! Für uns gilt hier das Gleiche wie vorher in der Schweiz: Wir verzichten auf jegliche Hilfsstoffe. Unsere Kühe beispielsweise fressen bloss Gras und trinken Wasser. Somit produzieren wir strenger, als jede Richtlinie dies verlangt.

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Beobachter: Rechnen Sie mit eher strengeren oder largeren Biokontrollen als in der Schweiz?

Baumann: Ich denke, dass die Kontrollen in etwa vergleichbar sind. Aber weil wir ohnehin jede Richtlinie und jede Label-Anforderung erfüllen, wird es sicher keine Probleme geben.

Beobachter: Sie haben früher die Schweizer Agrarbürokratie kritisiert. Welche Erfahrungen machen Sie nun in Frankreich?

Baumann: Für unseren 70-Hektaren-Betrieb konnte ich ein eigenes Projekt beim Staat einreichen, das verschiedenste Punkte umfasst, neben der Bewirtschaftung des Landes zum Beispiel auch die Heckenpflege. Oder ich verpflichte mich, beim Heuen in der Mitte der Wiese zu beginnen statt am Rand, damit die Tiere fliehen können und nicht in der Mitte gefangen sind das ist aufwändiger, deshalb gibts dafür Geld. Und ich werde eine bestehende Waldwiese mit kleinen Eichenbäumchen und vielen Orchideen einzäunen und darauf Schafe oder Kühe weiden lassen das dient der Artenvielfalt und wird ebenfalls entschädigt. All das zusammen ergibt ein auf fünf Jahre vereinbartes Massnahmenpaket; es ist noch nicht bewilligt, aber auf guten Wegen.

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Beobachter: In Frankreich erhalten die Bauern verglichen mit der Schweiz bloss einen Bruchteil für ihre Produkte. Wie überleben Sie da?

Baumann: Es stimmt: Wir erhalten höchstens halb so viel wie in der Schweiz, und die Direktzahlungen sind in der Schweiz etwa sechsmal höher als in Frankreich. Aber hier kann ich viel mehr Land bewirtschaften; auch sind die Pachtzinsen und die Preise für Maschinen deutlich tiefer. Ob die Rechnung für uns mittel- und langfristig aufgeht, weiss ich noch nicht. Es ist kein Paradies auf Erden, wir müssen hart arbeiten.