Die Zürcher Fluglärm-Mediation ist gescheitert. Noch bevor ernsthaft über eine gerechte Lärmverteilung debattiert werden konnte, zerbrach die Gesprächsrunde am Egoismus der beteiligten Sonderinteressen. Die gutschweizerische Devise «Me mues halt rede mitenand» wurde der Kraftmeierei geopfert.

Der reiche Kanton Zürich will nicht mehr «schuften für die Faulen». Rechtsbürgerliche Kreise torpedieren den Finanzausgleich des Bundes, durch den die wirtschaftlich starken Zentren die ärmeren Randregionen unterstützen. «Gemeinsam sind wir stark» – das urhelvetische Bekenntnis erweist sich als brüchig.

Pflegeheimtaxen, Arbeitslosengelder, Stipendien, Fürsorgeleistungen, Mutterschaftsversicherung: Am Prinzip «Solidarität» wird derzeit gehörig gerüttelt. Es scheint, dass die Schweiz mit den alten Mythen gehörig aufräumt. Umso erstaunlicher ist, wie sehr unser Land in einem politischen «Ballenberg-Denken» verhaftet bleibt:

Rütlischwur? Na klar! Wilhelm Tell? Selbstverständlich! Schweizer Qualität? Über alle Zweifel erhaben! – Die exklusive Beobachter-Meinungsumfrage zeigt: Im Land der Eidgenossen halten sich Legenden besonders hartnäckig (siehe Artikel zum Thema «Mythen: Der Glaube zementiert Berge»). Mythen sind starke Beweise der Überheblichkeit.

Wer immer nur rückwärts schaut, gerät irgendwann ins Stolpern. Wir kapseln uns politisch von Europa ab, sind aber weltweit in alle Handels- und Geldströme verstrickt. Gerade deshalb wirken unsere Mythen hohl. Zwischen der verstaubten 1.-August-Rhetorik und dem gesellschaftlichen Alltag besteht eine riesige Kluft: Die Höhenfeuer-Romantik verträgt sich schlecht mit dem Shareholder-Value und dem Egoismus der Starken. Wir haben es versäumt, den alten Schweizer Tugenden neue Inhalte zu geben: Bei Problemen miteinander reden. Zugunsten anderer nachgeben. Den Schwachen unterstützen. Solche Solidaritäts-Mythen hätten auch in der heutigen Zeit ihren Platz.

Schade, dass die Schweizer aus Schillers «Tell» nur den einen Satz in Erinnerung behalten haben: «Der Starke ist am mächtigsten allein.»

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