Wenn es regnet, ist das ein grosses Glück. Zumindest rein statistisch gesehen. Dann fahre ich nämlich nicht mit dem Motorrad zur Arbeit, sondern mit dem Zug – was die Wahrscheinlichkeit, im Büro auch tatsächlich anzukommen, deutlich erhöht: Bei gleicher zurückgelegter Strecke ist das Risiko eines tödlichen Unfalls beim Töff 220-mal höher als beim Zug. Verkaufe ich deswegen das Motorrad? Natürlich nicht.

Risikoregel Nummer eins: Verunfallen tut immer dein Nachbar, nie du selbst. Jede Woche sterben zwölf Menschen auf Schweizer Strassen, und 120 werden schwer verletzt. Verkaufen Sie deswegen Ihr Auto? Natürlich nicht.

Risikoregel Nummer zwei: Was wir kennen, ist harmlos. Gefährlich ist nur das Unvorhergesehene, das Fremde und Unbekannte.

So wie die Raumstation Mir auf ihrer letzten Reise Richtung Erde. Könnte ja sein, dass einem das Riesending auf den Kopf fällt! Und dann ist da auch noch ein strahlender Atomreaktor drin! Frage: Wie viele Kilometer wohnen Sie von den Kernkraftwerken Gösgen, Beznau, Mühleberg oder Leibstadt entfernt? Und schlafen Sie deswegen schlecht? Natürlich nicht.

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Wenn es ums Risiko geht, dann ist der Mensch auf beiden Augen blind, denn unsere Wahrnehmung spielt uns immer wieder böse Streiche. Das menschliche Gehirn sagt: «Gefährliche Dinge kannst du mit den Augen sehen.» Das hat unser Hirn in der Steinzeit so gelernt. Ein Loch im Boden? Vorsicht! Da kann man reinfallen und sich wehtun. Das Ozonloch? Hat noch keiner wirklich gesehen. Ausserdem kann man da nicht reinfallen. Also ungefährlich.

Deshalb gibt es auch kaum Widerstand, wenn unsere Armee neue Panzer und Flugzeuge kaufen will. Feindliche Soldaten sind etwas ganz Reales, man kann sie sehen. Aber noch keinem und keiner ist bisher der Treibhauseffekt direkt gegenübergestanden. Also ungefährlich. Dabei wären dringend Massnahmen gegen eine weitere Erwärmung des Klimas nötig. Oder gegen die zunehmende Abhängigkeit von Suchtmitteln. Oder gegen den Verlust an Kulturland und das Artensterben. Oder gegen den möglichen Zusammenbruch der Telefon- und Computernetze. Das sind gemäss der Studie «Risikoprofil Schweiz» die grössten Gefahren für unser Land. Doch das sind alles relativ abstrakte Bedrohungen, die sich zudem nur langsam entwickeln.

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Risikoregel Nummer drei: Gefährlich ist nur, was schnell auf uns zukommt. Wie etwa feindliche Düsenjäger. Und deshalb scheint es uns sinnvoller, weiterhin einmal jährlich mit dem Sturmgewehr auf Scheiben zu schiessen.

Wie sehr wir uns diesbezüglich selber betrügen, zeigt auch das Risiko-Quiz. Ich selber habe nur fünf von 13 Fragen richtig beantwortet. Logisch. Schliesslich fahre ich noch immer Motorrad. Und die meisten von Ihnen Auto. Lesen Sie unsere Titelgeschichte über die wahren Gefahren.