Lassen Sie Ihre Augen kurz nach links schweifen; dort sehen Sie einen dunklen Anzug, ein weisses Hemd und eine hübsch assortierte Krawatte. Vergessen Sie den Kerl, der in den Kleidern steckt; wichtig ist nur der Anzug, denn der «Weg zum Erfolg führt heute in direkter Linie über den Herrenausstatter». Der das sagt, heisst Florian Illies und ist Bestseller-Autor. Also ein erfolgreicher Mann.

Erfolg haben, das wollen wir alle. Deshalb gibts dazu auch Tonnen von Ratgeberbüchern: «Du bist mehr, als du bist!», raunt uns ein Titel zu, und der nächste verspricht: «Wie man wird, was man schon immer sein wollte.»

Wer das riesige Angebot studiert, der kapiert schnell, worum es im Kern wirklich geht: erfolgreicher sein als andere, noch mehr und noch schneller Geld verdienen. Dabei hilft auch, siehe oben, der passende Anzug. Es lebe die «Ich AG», und falls die zwischendurch mal ein kleines Börsentief hat, gibts auch dazu den passenden Ratgeber: «Wie Sie wohlhabende Geschäftspartner, Freunde und Liebhaber erobern.»

Sei stark, nimm, ohne zu geben, geh niemals freiwillig zur Seite; so stehts im Handbuch der neuen Power-Generation.

Und vor allem: Brauche deine Ellenbogen wozu sonst hat der liebe Gott sie geschaffen?

Box dich durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Der neue Kultautor Michel Houellebecq hat das alles längst begriffen. «Je niederträchtiger ihr seid, desto besser geht es», schreibt er. Passend dazu gibts vom deutschen Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg das neue «Survival-Lexikon», inklusive vieler nützlicher Tipps für den Fall einer Geiselnahme.

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Das Problem ist nur: Wenn Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit oder Mitgefühl plötzlich zu Schwächen werden, wenn Anstand und Rücksicht auf einmal Nachteile im täglichen «Survival of the fittest» bringen, dann droht «die totale Zerstörung der sozialen Gemeinschaft», wie es die deutsche Philosophin Uta Hess in ihrem Buch «Die Ich-Gesellschaft» beschreibt.

Wir sind auf dem besten Weg dazu. Selbst die sonst vorsichtige NZZ stellt fest: «Die Schweiz ist härter, kälter, hektischer und egoistischer geworden.» Das sind keine leeren Worte, wie unsere Titelgeschichte «Die "Ich AG" feiert Hochkonjunktur» zeigt.

Macht Sie das alles etwas mutlos? Dann lesen Sie zuerst den Artikel über den Prix Courage. Dabei handelt es sich nämlich um eine Protestkundgebung zum grassierenden Ego-Wahn. Es ist kein Zufall, dass Verleger Matthias Hagemann in seiner Rede anlässlich der Preisverleihung auf die «Ich AG» zu sprechen kam und die «Selbsterfüllung als Mass aller Dinge» kritisierte. Der Prix Courage setzt hier einen Kontrapunkt. Auf dass die Schweiz wieder etwas wärmer werde!

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