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EditorialDammbruch bei den Renten

«Es darf nicht sein, dass in der Altersvorsorge ein Wettlauf gegen unten stattfindet», schreibt Beobachter-Chefredaktor Andres Büchi im Editorial. Was hilft gegen das Pensionskassen-Debakel?

Die Rechnung bei den Pensionskassen geht nicht mehr auf.
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Jahrelang haben sich viele Angestellte in der Schweiz kaum für ihren Vor­sorgeausweis interessiert. Schliesslich geht es den Rentnern in kaum einem Land besser als bei uns. Das Papier, das stets Anfang Jahr in den Briefkasten flattert und die rechnerischen Ansprüche der Arbeitnehmer im Hinblick auf die Pen­sionierung auflistet, blieb oft unbeachtet.

Ganz anders in diesem Jahr. Selbst Leute, die nie zuvor einen PK-Ausweis angeschaut haben, wollen plötzlich wissen, wie es um ihren Rentenanspruch steht. Denn eine Nachricht hat in den letzten Wochen alle aufgeschreckt: Es geht runter mit dem Altersgeld – und zwar schnell, wie Yves Demuth und Bernhard Raos in unserer Titelgeschichte «Sind unsere Renten noch zu retten?» zeigen.

«Die Renten werden quasi auf Vorrat gesenkt. Und zugleich werden Milliarden für Administration abgeschöpft.»

Andres Büchi, Chefredaktor

Nicht wenige müssen feststellen, dass ihre voraussichtliche Rente ab Pensionseintritt plötzlich um bis zu 15 Prozent tiefer liegt, als sie noch ein Jahr zuvor ausgewiesen wurde. Für Arbeitnehmer über 50 werden solch drastische Abstriche schnell bedrohlich: Geht die Rechnung mit 65 überhaupt noch auf? Können die Wohnung und die stets steigenden Krankenkassenprämien dereinst überhaupt noch bezahlt werden?

Selbst die Politik, die so oft auf Sicht fliegt, statt vorausschauend zu handeln, hat erkannt, dass jetzt dringend etwas getan werden muss. Die Renteneinbussen in der zweiten Säule, so der laue Kompromiss, sollen durch eine Erhöhung der AHV um 70 Franken pro Monat «kompensiert» werden. Natürlich geht die Rechnung damit weder für die künftigen Rentner noch für künftige Generationen auf, aber man hat wieder ein kleines bisschen Zeit gewonnen.

Doch Pflästerlipolitik reicht jetzt nicht mehr. Denn während das Parlament um 70 Franken AHV-Erhöhung feilschte, gehen die Einbussen für kommende PK-Rentner in die Hunderte von Franken. Das Problem ist die zweite Säule, die das individuell gesparte Alterskapital sichern soll.

Stossende Ungerechtigkeiten

Natürlich ist es verständlich, dass der Umwandlungssatz im Tiefzinsumfeld gesenkt werden muss. Aber es darf nicht sein, dass eine Art Wettlauf nach unten stattfindet und die Renten quasi auf Vorrat gesenkt werden, während für Vermögensverwaltung und Administration nach wie vor Milliarden aus dem System abgeschöpft werden. Es darf nicht sein, dass es vom Goodwill der Arbeitgeber abhängt, wie stark die Renten sinken, und vom Glück, welcher PK man angehört. Und es ist stossend, dass die Vorsorgekassen und die Arbeitgeber ihre Rechnungen auf Jahre hinaus optimieren können, während die Beitragszahler keine Chance haben, ihren Rentenstand einigermassen abzusichern.

Hier müssen fairere Lösungen gefunden werden. Wenn das nicht gelingt, wird der Staat schon in wenigen Jahren mit einer Flut von Anfragen nach Ergänzungsleistungen und Sozialhilfe konfrontiert werden.

Zur Titelgeschichte

 

Sind unsere Renten noch zu retten?

Viele Pensionskassen senken die Renten dramatisch. Lohnt sich das Vorsorgesystem für die Versicherten überhaupt noch?

Zum Ratgeber: Was kann ich tun? 

Altersvorsorge

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Veröffentlicht am 28. März 2017

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