Vermutlich sind wir völlig verrückt, denn nur Wahnsinnige widmen die mehrseitige Titelgeschichte einer Zeitschrift mit über einer Million Leserinnen und Lesern ausgerechnet jenem Thema, von dem selbst der Autor des Artikels sagt: «Das alles interessiert doch kein Schwein.»

Dieser kurze, aber prägnante Satz stammt von meinem Kollegen Thomas Angeli. Er hat sich über Wochen mit dem Thema Datenhandel befasst, und was er zusammengetragen hat, lesen Sie in der Titelgeschichte. Seine Haupterkenntnisse: Erstens gehen wir alle extrem leichtsinnig mit persönlichen Daten um. Und zweitens interessiert es niemanden auch nur einen Deut, was die Datensammler alles über uns wissen.

Experten schätzen, dass jeder und jede von uns in rund 900 Datenbanken erfasst ist. Und das abgespeicherte Wissen wird immer detaillierter. Spezialisierte Firmen sind mittlerweile in der Lage, mit über 100 Kriterien (fährt Motorrad, ist Single, hat einen PC, wohnt in Einfamilienhaus) ganz gezielt nach «heissen» Adressen zu suchen.

Selbstverständlich ist es auch möglich, interessante Zielgruppen nach Berufen anzuschreiben. Die führenden Adressanbieter haben dafür eigene Kataloge, in denen der Kunde blättern kann wie unsereins im Ikea-Prospekt. Über die Bestellnummer 6050 gibt es beispielsweise die Anschriften von über 50000 Lehrerinnen oder Lehrern. Falls der Kunde doch lieber die Baubranche bewerben will: Alles kein Problem, Bestellnummer 6014 passt.

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Von den jährlich drei Milliarden in der Schweiz verschickten Briefen enthält fast die Hälfte persönlich adressierte Werbung. Daran ist nichts Schlechtes. Schliesslich gehen 50000 Exemplare dieser Beobachter-Ausgabe ebenfalls an Leute, die unser Heft bisher nicht abonniert haben.

Das Problem ist nicht der Daten- und Adresshandel an sich, sondern die Tatsache, dass niemand mehr den Überblick hat, was eigentlich wo abgespeichert ist. Und keiner weiss, wer mit wem welche Informationen austauscht.

Genau hier also in der zunehmenden Vernetzung verschiedenster Datenbanken liegt die grosse Gefahr. Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte, Odilo Guntern, warnt denn auch davor, dass wir alle zu «gläsernen Bürgern» werden. Aber wen kratzt das schon?

So, wie es aussieht, sind wir gern nackt: Der kleinste Wettbewerb genügt und schon geben wir wildfremden Firmen persönliche Dinge preis. Und für ein bisschen Rabatt verraten wir dem Grossverteiler sogar, welches Joghurt wir besonders mögen. Die Folge davon, im harmlosesten Fall: mit Werbung verstopfte Briefkästen. Ausserdem dürfen sich Besteller von Pornovideos nicht wundern, wenn man ihnen plötzlich Bohrmaschinen verkaufen will. Sie wollen wissen, weshalb? Lesen Sie unsere Titelgeschichte.

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