Sie meldete sich immer freitags: «Haben Sie kurz Zeit für mich?» Die Frau aus Lausanne, während Jahren unsere telefonische Stammkundin, war in ihrem Sendungsbewusstsein nicht zu bremsen. Partout hielt sie ihre heilenden Hände über unsere Redaktion, und ganze Tage muss sie allein damit verbracht haben, um einem schwer kranken Jugendlichen, über dessen Schicksal in unserer Zeitschrift zu lesen war, kraft ihrer Gedanken zu helfen. «Und: Wie geht es ihm nun?», war dann jeweils ihre zweite Frage.

Fernbehandlung per Ferngespräch. Irgendwie war mir die Dame sympathisch. Sie wollte keine öffentliche Aufmerksamkeit und kein Geld. Sie wollte nur fünfzehn, zwanzig, dreissig Minuten. Erst als sich die Behandlung umzukehren drohte, wurde mir der Hokuspokus zu bunt: Plötzlich sollte ich ihr zu einem Schlösschen am Genfersee verhelfen. Doch dazu hatte ich keine Lust. Seither fehlt der Segen aus Lausanne.

Dafür denken andere gute Geister in stillen Stunden an den Beobachter. Ungezählt sind zum Beispiel die tiefsinnigen Bibelzitate, die uns auf Beobachter-Artikel erreichen. Amüsant der Mann, der zwischen meinen Zeilen versteckte Botschaften einer Geheimloge sucht. Clever der Handaufleger, der uns vorrechnet, wie viel Geld Krankenversicherer dank seinem kostengünstigen Heilwirken sparen – «bis eine Million im Jahr». Nervig die Dame, die sich in Schwarzer Magie versucht: «Es wird bald ein Unglück über den Beobachter hereinbrechen, das steht fest.»

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Sie halten trotzdem die neuste Ausgabe des Beobachters in den Händen – und das Titelthema passt: das Geschäft der Wunderheiler. Immer mehr Menschen glauben an die Macht mentaler Einflüsse, legen Kupferdecken gegen Erdstrahlen, schwören auf die «Fünf Tibeter»… Dagegen ist grundsätzlich ja nichts einzuwenden. Selbst Medizinwissenschaftler haben erkannt, dass der menschliche Organismus mehr ist als eine Körpermaschine und dass eine rein mechanistische Weltsicht nicht ausreicht, um dieses hoch komplexe Netzwerk zu begreifen.

Klar ist auch, dass der Körper von der Psyche beeinflusst wird – und umgekehrt. «Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist», zitiert das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» einen deutschen Krebsspezialisten. Selbstheilungskräfte können Erstaunliches bewirken – und durch die Suggestivkraft von Ärzten und Heilern verstärkt werden. So gesehen ist nicht einmal auszuschliessen, dass sogar Uriellas Badewasser eine gewisse Wirkung entfaltet, vorausgesetzt, man schluckt die Milliliter H2O mit einem Hektoliter Fantasie.

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Der Spass hört auf, wo die Wunderwirkung der Wunderheiler vor allem der wundersamen eigenen Geldvermehrung dient oder – schlimmer noch – die Not und die Verzweiflung kranker Menschen so skrupellos ausgenutzt werden, dass dringend nötige medizinische Behandlungen unterbleiben. Diesen Quacksalbern widmen wir unsere Titelgeschichte. Hoffentlich auch eine Art von Fernbehandlung.