Mein Wechsel zum Beobachter hat mir eine Fülle von positiven Reaktionen und Glückwünschen eingetragen. Am meisten gefreut hat mich dabei ein ziemlich lapidarer Satz: «Der Beobachter und du das passt ganz einfach zusammen.»

Ich habe mich riesig über das Vertrauen gefreut, das mir Verlag und Redaktion mit der Wahl zum Chefredaktor schenken. Es ist in den letzten Wochen ja viel über Zerwürfnisse und Spannungen im Hause Jean Frey AG geschrieben worden. Ich will diese Krise nicht schönreden, aber beim ersten delikaten Prüfstein, der Wahl des Chefredaktors, war davon nicht viel zu spüren: Die Redaktion hat bei der Ernennung ihres Chefs ein gewichtiges Wort mitzureden; sie achtet darauf, dass das Beobachter-Leitbild respektiert wird, und muss deshalb einer Nomination zustimmen. Die Wahl kam in kürzester Zeit zustande.

Es ist ein gutes Zeichen, wenn eine Redaktion engagiert über publizistische Freiheit und Unabhängigkeit debattiert und dabei auch den eigenen Verlag vor Kritik nicht verschont. Und es zeugt von Stärke, wenn beide Seiten nach dem Disput das Gemeinsame suchen.

Ich bin mir bewusst, dass die Leserinnen und Leser nach all den Erschütterungen ihren Beobachter aufmerksam beobachten. Sie werden keine revolutionären Änderungen entdecken, denn ich habe von meinen Vorgängern Ivo Bachmann und Philippe Ruedin ein starkes Erbe übernommen. Es besteht in erster Linie aus einer kritischen und treuen Leserschaft, aber auch aus einem fantastischen Redaktions- und Beratungsteam, das in der Schweiz einzigartig ist. Mit seinem engagierten Journalismus hat sich der Beobachter über 75 Jahre hinweg eine riesige Resonanz aufgebaut: Mehr als eine Million Leserinnen und Leser bilden heute die Basis, die diese mutige Publizistik erst möglich macht.

Ich verspreche Ihnen keine spektakulären Höhenflüge. Der Beobachter-Alltag ist spektakulär genug. Das mag als Absichtserklärung kläglich erscheinen. Aber oft braucht es mehr Mut und Energie, Bewährtes zu erhalten, als Luftschlösser zu bauen. Der Beobachter wird dabei nicht stillstehen. Er hat stets Schritt gehalten mit der gesellschaftlichen Entwicklung, sein Angebot ausgebaut, sein Beratungszentrum modernisiert, den Buchverlag aktualisiert. Und dabei sein Markenzeichen sorgfältig gepflegt: seinen Kampf für Recht und Gerechtigkeit und gegen Missbrauch der Macht in Staat, Politik und Wirtschaft. Das reicht mir als Absichtserklärung vollauf.

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