Wer Fragen stellt, darf die Antwort nicht scheuen. Nach den endlosen Debatten über das «Schmarotzertum» bei der Fürsorge wollte es der Beobachter genauer wissen und liess die Schweizer Bevölkerung befragen: Ist die Sozialhilfe in unserem Land zu grosszügig, angemessen oder gar zu bescheiden? – Die Antwort ist sensationell: Mehr als ein Drittel der Bevölkerung wäre gegenüber den Bedürftigen eher grosszügiger, für knapp die Hälfte ist die Unterstützung «gerade genug». Auf die Sparbremse will nur eine kleine Minderheit treten.

Ich kenne den Einwand vieler Politiker bereits: Eine solche Beurteilung kommt nur zustande, weil die Bevölkerung die wahren Verhältnisse in der Fürsorge nicht kennt. Falsch! Die Schweizerinnen und Schweizer schätzen die Höhe der Sozialhilfe einigermassen korrekt ein. Und sie sind in diesen konkreten Fragen zur Armut wohl mindestens so erfahren und entscheidungsfähig wie beim Thema «Schengen/Dublin» oder bei der Gentechnologie. Die Sparpolitiker werden sich also mit der Idee anfreunden müssen, dass in diesem Land die Solidarität mit Bedürftigen nach wie vor mehrheitsfähig ist.

Unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema «Sozialhilfe: Was ist Armut?») ergibt ein differenziertes Bild dessen, was die Bevölkerung (also die Steuerzahler!) den Sozialhilfeempfängern zugestehen will: Fleischkonsum, ein Haustier oder Ferien soll der Staat den Bedürftigen mitfinanzieren; beim Rauchen oder beim Auto hört das Verständnis auf. Die Bevölkerung unterscheidet durchaus zwischen einem Leben in bescheidener Würde und Luxusansprüchen.

Der Beobachter ist über diese Resultate erfreut, aber nicht erstaunt. Unser Hilfswerk SOS Beobachter erhält von den Lesern jedes Jahr gegen drei Millionen Franken Spenden, die wir direkt und ohne Abzüge an Bedürftige weiterleiten, die durch alle Maschen unseres Sozialstaates fallen (siehe «Link zum Artikel»). Dabei machen wir die Erfahrung: Es fällt vielen Armen schwer, um Unterstützung zu bitten und diese auch anzunehmen. Abzockermentalität ist kein Charakterzug der Bedürftigen.

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