Die Vision der wachstumsverliebten sechziger Jahre hiess «ZÜ-GE» und meinte nichts anderes, als dass Zürich und Genf zu einer einzigen grossen Mittellandstadt verschmelzen werden. Ganz so weit ist es bisher nicht gekommen. Aber die planerische Utopie von einst ist mehr als ein Hirngespinst: Genf wächst allmählich mit der Waadtländer Hauptstadt Lausanne zusammen, und der Stadtrand von Zürich liegt tief im Aargau. Immer neue «Agglomerationsgürtel» legen sich um die städtischen Zentren.

Es ist ein spannender Prozess, der hier abläuft. Viel Vertrautes wird dabei verdrängt und zerstört. Und nicht immer ist das Neue ein Gewinn. Doch viele haben in dieser zügellos wuchernden Verstädterung ihre Heimat gefunden. Meine Kollegen Matieu Klee und Beat Grossrieder haben sich in den arg geschmähten Agglomerations-Gemeinden umgesehen – und erstaunlich zufriedene Menschen getroffen (siehe Artikel zum Thema «Agglomerationen: Die Illusion vom Landleben»).

Unsere Titelgeschichte zeigt aber auch die gewaltigen Probleme dieser Siedlungsentwicklung auf: Land- und Energieverschleiss, teure Infrastruktur, wachsende Arbeitswege, ungerechte Steuerbelastungen, Schlafgemeinden, Verkehrslärm und so fort. Der Kontrast zu den sonst verbreiteten Heimatklischees könnte kaum grösser sein. Die Durchschnittsschweiz hat keine freie Sicht aufs Matterhorn – sie liegt in den Agglomerationen. Der Blickwechsel von den verschneiten Bergen der Kalenderschweiz in die oft graue Realität der Siedlungsräume im Mittelland macht aber auch ein riesiges Defizit sichtbar: Die starken Strukturen der Nachbarschaft, wie sie sich in den Berggebieten herausgebildet haben, fehlen in den Agglomerationen weitgehend. Wenn nicht bei allen Problemen der Staat einspringen soll, muss der Verdichtung der Siedlungsräume dringend eine «Verdichtung des Gemeinschaftssinns» folgen.

Die bisherige Entwicklung lässt durchaus Raum für Hoffnungen. Das «Volk der Bergler» (und der Zuzüger!) erweist sich als erstaunlich anpassungsfähig. Wer daran zweifelt, lese bitte den Bericht von Martin Müller (siehe Artikel zum Thema «Religion: Grosses Bangen in Wangen»). Es ist ein eindrückliches Dokument zum Thema «Integration».

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