Hand aufs Herz: Hätten Sie so viel Mut gehabt? Da rammt ein Mann einem anderen ein Messer in den Kopf, dann folgen Stiche in Bauch und Rücken. Das Opfer liegt blutüberströmt auf dem Bahnhofperron, doch keine der anwesenden 30 Personen tut einen Wank. Ausser Daniel Bürkli. Der 13-jährige Schüler rennt zum Verletzten, hilft ihm auf die Beine und schleppt ihn zum nächsten Arzt. Durch sein spontanes Eingreifen hat Daniel ein Menschenleben gerettet.

Mut von einer ganz anderen Sorte bewiesen Lukas Klauser und Philip Lechner. Die beiden jungen Temporärangestellten deckten am renommierten Paul-Scherrer-Institut einen Asbestskandal auf. Die Chefs der Forschungsanstalt sahen sich gezwungen, Schutzmassnahmen zu ergreifen - nachdem Arbeiter zuvor monatelang mit dem tödlichen Stoff gearbeitet hatten. Klauser und Lechner indes erhielten die Quittung für ihr couragiertes Handeln: die Kündigung. Hätten Sie das auch riskiert? Am letzten Wochenende stand das mutige Trio verdientermassen im Rampenlicht: Bürkli, Klauser und Lechner konnten sich als Gewinner des Prix Courage feiern lassen (siehe Artikel zum Thema «Prix Courage 2006: Ein Triumph der Jugend»).

Mut bedeutet auch, nicht mit der Masse zu heulen, sondern zu seiner Meinung zu stehen - selbst wenns der Stammtisch nicht mit einem Schulterklopfen quittiert. Eine unpopuläre Haltung nimmt etwa die Luzerner Oberrichterin Marianne Heer beim Reizwort Verwahrung ein: «Es gibt Leute, die zu Unrecht in Verwahrung sind», kritisiert sie und stellt sich damit gegen die öffentliche Meinung. Wie recht sie hat und wie schlimm die Folgen medialer Vorverurteilung für die Betroffenen sind, zeigt mein Kollege Dominique Strebel in unserer Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema «Verwahrung: Einmal drin, für immer drin»). Daniel Benz und Vera Bueller zeichnen zudem die Schicksale von zwei Verwahrten nach. So sass Robert Wenger wegen Bagatelldelikten fast ein ganzes Leben hinter Gittern. Ämter, Richter, Psychiater - niemand wollte Wengers Geschichte kritisch hinterfragen. Im Gegenteil: Man nahm in Kauf, dass ein kleiner Dieb über 50 Jahre weggesperrt blieb. Und das nur, weil es den Verantwortlichen an Mut fehlte. An Mut, begangenes Unrecht einzusehen.

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