Stolze 8,7 Kilogramm wog das Paket, das mir letzthin ein Innerschweizer Beobachter-Leser zugeschickt hat. Darin ist sein «Fall» über 15 Jahre hinweg lückenlos dokumentiert; allein das Inhaltsverzeichnis seines Dossiers umfasst 20 Seiten. Ihm sei vor anderthalb Jahrzehnten Unrecht geschehen, und kein Gericht habe sich je ernsthaft mit der Sache befasst. Keine Aufsichtsbehörde habe sich des Falles angenommen, kein Politiker, kein Bundesrat sich für das Unrecht interessiert, kein Journalist den Missstand angeprangert. Die Vorwürfe sind heftig: Rechtsverweigerung, Rechtsverwilderung, unfähige Beamte, Willkür, Filz – und nun droht dieser «Unrechtsstaat» dem entrechteten Bürger sogar mit Verwahrung.

Der Absender ist ein doppeltes Opfer: Vielleicht steht am Anfang tatsächlich ein Fehlurteil, das nachher nie korrigiert worden ist. Vielleicht hat sich aber das Recht ganz einfach nicht mit seinem Rechtsempfinden gedeckt. Und niemand hat ihm geholfen, diesen Widerspruch zu lösen. So ist er ein zweites Mal zum Opfer geworden: 15 Jahre seines Lebens hat er in einen zunehmend gehässigeren und aussichtsloseren Kampf investiert. Jetzt schreibt er: «Sonst muss halt der Bürger das Recht selber in die Hand nehmen.» Genau das aber darf er nicht, will er nicht (vermutetes) Unrecht mit sicherem Unrecht vergelten.

Unser Land braucht kritische, eigensinnige, widerstandsbereite Bürgerinnen und Bürger, die auf ihren Rechten beharren. Aber sie dürfen den letzten (oft nur noch kleinen) Schritt nicht tun und ihr Recht selber durchsetzen – selbst dann nicht, wenn der Staat im Einzelfall tatsächlich versagt hätte.

Unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema «Justiz: Auf eigene Faust») zeigt: Die staatlichen Autoritäten haben viel von ihrer Autorität verloren. Das schafft eine gefährliche Lücke. Wir sollten diesen Raum nicht unbesehen denen überlassen, die uns aus eigener Kraft Ruhe und Ordnung versprechen. Denn der Übergang von der Rechtschaffenheit zur Rechthaberei ist fliessend. Und nicht jeder, der vorgibt, das Recht zu schützen, ist auch im Recht.

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