Ein Familienbild unserer Zeit: Ein Vater, eher ärmlich gekleidet, besteigt mit seinen zwei Söhnen das Tram. Die beiden Knaben im Schulalter diskutieren lärmig von einem Wagenende zum andern per Handy.

Es ist auffallend, dass Kinder aus bescheidenen Verhältnissen oft über mehr Luxusgüter verfügen als ihre Altersgenossen aus reichen Familien. Das ist nur einer von vielen Widersprüchen rund ums Thema Kind. Doch alle Eltern machen dieselbe Erfahrung: Kinder sind ein teures Vergnügen.

Die Werbung hat längst entdeckt, dass bei den Jungen Bedürfnisse leichter geweckt werden können als bei den Alten. Kinder konsumieren aber nicht nur sie bestimmen das Einkaufsverhalten der ganzen Familie mit. Sie prägen den Speisezettel, sie diktieren die Ferienpläne, sie beeinflussen sogar die Wahl der Automarke. Kinder und Jugendliche sind gewichtige Wirtschaftsfaktoren. Doch die Schweizer Wirtschaft hat über Jahrzehnte eine kinderfreundliche Politik erfolgreich torpediert.

Mutterschaftsurlaub, Kinderzulagen, Krippenplätze, Tagesschulen wo immer der Staat das Kinderhaben erleichtern wollte, wurde er gebremst. Zwar bilden Frauen und Mütter die grösste Arbeitskraftreserve. Doch nur in den hitzigsten Boomjahren zeigte sich die Wirtschaft geneigt, den Müttern (und vereinzelten Vätern) die Kinderbetreuung zu erleichtern.

«Kinder sind Privatsache»: Das stimmt und soll auch so bleiben. Unsere Titelgeschichte («Mit Kindern ist man arm dran», ab Seite 22) zeigt aber auf, dass immer mehr Schweizer Paare die Konsequenzen ziehen: Sie verzichten ganz auf Kinder oder lassen es bei einem einzigen bewenden. Zu teuer sind die Wohnungen, zu gross ist die Doppelbelastung durch Beruf und Familie, zu gering die Unterstützung.

Das kann weder dem Staat noch der Wirtschaft recht sein. Der berufliche Nachwuchs, die Altersvorsorge, das ganze Überleben der Gesellschaft werden durch unsere Kinder sichergestellt. Doch die «Privatsache Kind» wird immer mehr zur Mangelware. Der Preis ist so hoch, dass sich viele Eltern diesen «Luxus» nicht mehr leisten wollen.

Erstaunlich, dass so viele Politiker und Wirtschaftsleute ihr sonst so fleissig gepredigtes Universalrezept vergessen haben: die Marktwirtschaft. Es gibt nur ein Mittel, die Kinderzahl zu steigern: Der Preis muss gesenkt werden. Das volkswirtschaftliche Kinderspiel funktioniert nach der simplen Regel «Angebot und Nachfrage».

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