Ob das unsere Leserinnen und Leser noch verstehen? Oft prallen die verschiedenen Beobachter-Berichte derart krass aufeinander, dass wir Hemmungen haben, sie im gleichen Heft zu publizieren. Die Widersprüche unseres Alltags sind eklatant.

Beispiele gefällig? Thomas Buomberger schildert den irren Wettlauf der Kantone, um die Steuerbelastung der Reichen zu senken (siehe Artikel zum Thema «Steuerwettbewerb: Reich beschenkt»).

Sein Kollege Beat Grossrieder beschreibt den ebenso irren Versuch des Bundes, die Mehrwertsteuerpflicht immer weiter auszudehnen (siehe Artikel zum Thema «Mehrwertsteuer: Weitsicht wäre mehr wert»): Neu sollen auch Organisationen, die im Auftrag der Gemeinden Kinderschutzmassnahmen durchführen, Mehrwertsteuer abliefern. Die Folgen sind absehbar: mehr Heimeinweisungen, mehr Kosten für Gemeinden und Kantone. Doch da fehlt das Geld – nicht zuletzt, weil die Spitzenverdiener laufend entlastet werden. Die Erkenntnis liegt nahe: Eine unsolidarische Steuerpolitik belastet sehr direkt den Sozialstaat.

Und weiter mit den alltäglichen Widersprüchen: Vera Bueller und Ursula Gabathuler befassen sich mit dem Boom der Psychopharmaka (siehe Artikel zum Thema «Psychopharmaka: Und schnell zerbricht das Pillenglück»). Der Befund ist erschreckend: Bald jede Unpässlichkeit, Flugangst, Stress oder Hungergefühl wird mit Antidepressiva kuriert. Der Mensch hat zu funktionieren. Psychopharmaka helfen dabei und sparen erst noch Zeit und Mühe.

Lukas Egli wiederum hat Menschen getroffen, die jede Menge Geld, Zeit und Mühe darauf verwenden, nach Krankheiten zu forschen, unter denen sie noch gar nicht leiden (siehe Artikel zum Thema «Gesundheitsschiff: Die ‹MS Cholesterin›»). Egli hat sich auf dem Gesundheitsschiff von Fernsehdoktor Samuel Stutz unter die 500 Passagiere gemischt, von denen etliche ihre Gesundheit als zeit- und kostenintensives Hobby betreiben.

Ob das unsere Leserinnen und Leser noch verstehen? Ich bitte Sie um Verständnis, wenn der Beobachter das Leben immer wieder mit all seinen Widersprüchlichkeiten darstellt. Denn vielleicht können wir nur so verstehen, weshalb es heute keine einfachen Lösungen mehr gibt.

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