Es war ein eindrückliches Bild, mit dem 2002 gegen die Einführung der Fristenlösung gekämpft wurde: ein Embryo, zehn, zwölf Wochen alt – ein kleines, unverkennbar menschliches Wesen. Die Abtreibung in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft gilt den Gegnerinnen und Gegnern der Fristenlösung bis heute als «Mord», als eine Beseitigung von lebensfähigem Leben. Fast drei Viertel der Stimmenden haben dennoch Ja gesagt zur Fristenlösung, zu einem straffreien Schwangerschaftsabbruch.

Bekommt der Embryo die Chance, weiter zu wachsen, wiegt der Fötus mit 24 Wochen einige hundert Gramm. Er steht – auch ausserhalb des Mutterleibes – «an der Grenze zum Leben», wie dies meine Kolleginnen Ursula Gabathuler und Andrea Haefely umschreiben. Zum Überleben braucht es aber alle Kunst der Medizin. Und ob es ein gesundes Überleben wird, zeigt sich erst viel später.

Der Anfang des menschlichen Lebens fordert uns schwierige Entscheidungen ab. Die Medizin macht vieles möglich: den frühen Tod wie das frühe Leben. Für werdende Eltern eine brutale Wahl. Denn die Frage lautet nicht einfach: Leben – ja oder nein? Sie meint auch: Ja zum behinderten Leben? Nein zur eigenen freien Lebensgestaltung? Dabei gibt es Entscheidungshilfen, aber die drücken sich in schnöden Zahlen aus: in Wochen, Gewichtslimiten und statistischen Risikoberechnungen (siehe Artikel zum Thema «Frühgeburten: An der Grenze zum Leben» sowie «Neonatologie: Das Prinzip Hoffnung»).

Der medizinische Fortschritt konfrontiert uns mit stets neuen Fragen, auf die wir schlecht vorbereitet sind. Immer mehr wird uns dabei Verantwortung nicht nur fürs eigene, sondern für fremdes Leben auferlegt. Und in diesen Schicksalsfragen fehlt dann oft das stützende familiäre Umfeld oder der Rückhalt einer (religiösen) Gemeinschaft. Versicherungen und staatliche Einrichtungen versprechen zwar finanzielle Unterstützung – aber wie dauerhaft?

Wir können diesen Problemen, diesen schwierigen und einsamen Entscheiden kaum ausweichen. Wenn sie uns in jungen Jahren rund um die Geburt unserer Kinder erspart bleiben, holen sie uns spätestens in den letzten Lebensjahren ein: Wie sich doch die Fragen um Geburt und Sterben gleichen!

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