Ostern ein langes Wochenende mit Staus, Schokolade bis zum Überdruss und Filmklassikern im Fernsehen. Ostern ist aber auch ein Tag des Kirchgangs: Viele Gotteshäuser werden voll sein ausnahmsweise. Eine Studie des Zürcher Kirchenrats zeigt, dass nur zwölf Prozent der Reformierten mindestens einmal pro Monat zum Gottesdienst kommen. Zudem schrumpfen die Landeskirchen: Zwischen 1990 und 2000 verloren Reformierte und Katholiken in der Schweiz 363000 Mitglieder. Hatte sich 1970 erst jeder Hundertste als konfessionslos bezeichnet, war es bei der Volkszählung 2000 bereits jeder Neunte.

Erstaunlich ist das nicht. In einer Gesellschaft, deren Credo ungeschminkt materialistisch ist und die die Schöpfung mittels Gentechnik selbst in die Hand nimmt, hat eine jahrtausendealte spirituelle Lehre keinen leichten Stand. Umso bemerkenswerter erscheinen die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Beobachters. Jeder Zweite in der Deutschschweiz glaubt an den Gott der Bibel und an die Kraft des Gebets. Das ist keineswegs nur eine Sache der Älteren der Glaube an Wunder oder ein Leben nach dem Tod ist in der Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren am stärksten verbreitet.

Doch die Landeskirchen profitieren kaum davon. Unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema «Religion: Landeskirchen im Hintertreffen») beleuchtet den Boom von Freikirchen vor allem bei Jungen. Dank geschicktem Marketing lassen die Trendgemeinden die Landeskirchen schnell einmal alt aussehen: lockerer Jugendjargon statt liturgische Formeln, Beats statt Bach, Ekstase statt Erörterungen so lauten einige Erfolgsrezepte. Was so zeitgeistig wirkt, ist oft aber auch der Versuch, das Rad zurückzudrehen. Die eng ausgelegte Bibel wird dann zur Betriebsanleitung fürs Leben. Die Folgen: eine strikte Trennung der Welt in Gut und Böse sowie rigide Moralvorstellungen aus einer anderen Zeit etwa die, dass Sex nur mit Trauschein erlaubt und Homosexualität widernatürlich sei. Es verwundert nicht, dass gerade in Zeiten der Verunsicherung viele dankbar sind für solche vermeintlichen Gewissheiten.

Anzeige

Aber nicht alle machen es sich so einfach: «Der Mensch soll sich auf intellektuell redliche Art mit ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen befassen», umschreibt der Theologe Michael Meier das Selbstverständnis vor allem der reformierten Kirche. Gut, wenn Glaube auch den Zweifel ertragen kann.