Die Worte klingen düster und drohend: «Die Welt wird eine andere sein nach diesem 11. September.» Wir haben sie von Politikern, Experten, Journalisten gehört. Immer und immer wieder. Und so hilflos vage diese Erkenntnis auch bleibt – wir befürchten das Schlimmste.

Terror, Vergeltung, Krieg. Die Medien sind in ihrer Wortwahl nicht mehr wählerisch. Warum auch? Dem weltweiten Entsetzen über den Terrorakt wird eh keine Schlagzeile gerecht. Und jede Relativierung erscheint ob dem tausendfachen Leid unschuldiger Menschen schlicht inakzeptabel. Und doch: Die überhitzte Kriegsrhetorik verstellt gefährlich unseren Blick. Es gibt nicht nur die Welt der Terroristen, Fanatiker, Kriegstreiber. Es gibt auch eine andere, hoffnungsvollere Welt, die sich uns in diesen Tagen zeigt.

Fast alle Staatsregierungen verurteilen die grausamen Anschläge. Millionen Menschen bekunden ihre Anteilnahme mit den Opfern. Hunderttausende marschieren zu Kundgebungen gegen den Terror. Und, besonders wichtig: Auch die grosse Mehrheit der Muslime distanziert sich vom Massenmord der angeblich heiligen Krieger. Damit haben die Fanatiker gewiss nicht gerechnet: Der grösste Terroranschlag der Geschichte vereint die Völker der Erde wie noch nie.

Das ist die grosse Chance in dieser Zeit der Verunsicherung. Ob wir sie nutzen? «Grenzenlose Gerechtigkeit», wie sie die Amerikaner fordern, lässt sich nicht herbeibomben. Selbst wenn Bin Laden bestraft und sein terroristisches Netzwerk in Afghanistan zerstört wird – es gibt genug Elend und Unterdrückung in der Welt, um neuen blinden Hass zu schüren. Gewinnen lässt sich dieser Krieg nur durch Massnahmen, die dem Terror den Nährboden entziehen – indem wir uns mit friedlichen Mitteln um eine grenzenlose Gerechtigkeit bemühen, auch wirtschaftlich. Und um ein Zusammenleben, das sich konsequent an gemeinsamen Werten, Normen und Haltungen orientiert.

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«Es gibt kein Überleben ohne Weltethos, keinen Weltfrieden ohne Religionsfrieden», warnte der Schweizer Theologe Hans Küng schon vor über zehn Jahren. Seine Worte sind aktueller denn je. «Denn die Menschheit», so Küng, «kann es sich immer weniger leisten, dass die Religionen auf dieser Erde Kriege schüren statt Frieden stiften, Fanatisierung betreiben statt Versöhnung suchen, Überlegenheit praktizieren und nicht den Dialog.»

In welcher Welt wir künftig leben – das gestalten wir mit. Tagtäglich.