Da ist zum Beispiel Monika aus Bern. «Noch heute», schreibt sie, «überkommt mich eine tiefe Trauer und Verzweiflung.» Monika wurde ungewollt schwanger und hat eine Abtreibung hinter sich. Sie sucht jetzt «Leute, die eine ähnliche Erfahrung hinter sich haben». Hansruedi aus dem Kanton Baselland hat derweil andere Sorgen: «Ich möchte Informationen austauschen mit Männern, die in einem One-Night-Stand von Frauen benutzt worden sind und nun eine Vaterschaftsklage am Hals haben.»

Vom Sexualmissbrauch über den Natelsmog bis zur Vermisstmeldung: Im Selbsthilfeforum von Beobachter online (www. selbsthilfe.ch) gibts zwar Spielregeln, aber keine Tabus. Hier kann man nach Gleichgesinnten suchen, Erfahrungen schildern, Selbsthilfegruppen gründen.

So entsteht ein grenzenloses Netzwerk von ganz neuer Qualität. Zum Beispiel «für den Gedankenaustausch unter Auslandschweizern», wie ihn sich Roland, seit vier Jahren an der Costa Blanca in Spanien, wünscht. Oder um einen Weg aus der Isolation zu finden, wie ihn Patrizia aus Zürich («Ich leide unter Panikanfällen») sucht. Oder um Menschen kennen zu lernen, mit denen man sein Leid teilen kann – wie es sich Markus aus Basel erhofft: «Bei einem Autounfall in den Ferien starb meine Freundin. Ich komme allein einfach nicht darüber hinweg.»

Die Selbsthilfe boomt. Allein in der Schweiz sind bereits über 2000 Gruppen registriert. Ihre Zahl wird rasant wachsen – dank Internet. Denn kein anderer Kommunikationskanal eignet sich so hervorragend für den persönlichen, weltumspannenden Erfahrungs- und Gedankenaustausch. Und kein anderes Medium birgt gleichzeitig so grosse Risiken.

Anzeige

Denn: Wer garantiert, dass keine intimen Daten missbraucht werden? Wer schützt Hilfesuchende vor Sektierern und Geschäftemachern? Seriöse Adressen wie www.beobachter.ch oder www.selbsthilfe.ch garantieren zwar eine Kontrolle des Angebots; was sich im direkten, persönlichen E-Mail-Verkehr unter Nutzern abspielt, ist hingegen jeder Kontrollmöglichkeit entzogen. Das ist ebenso gut wie gefährlich. Darum: Wer im Internet Hilfe sucht, sollte immer auch mal die Delete-Taste drücken.

Dass der Beobachter dem Thema so grosse Aufmerksamkeit schenkt, ist kein Zufall. Unsere Zeitschrift ist mit der Selbsthilfe in besonderem Mass verbunden; der Beobachter hat diese Idee erst richtig populär gemacht. Bereits in den frühen achtziger Jahren kamen im Beobachter regelmässig Leute zu Wort, die eine Selbsthilfegruppe gründen wollten. Jahrelang publizierte unsere Zeitschrift Erfahrungsberichte, Adressen und Aufrufe und vermittelte Tausende Kontakte. Dank dem Beobachter wurde aus hoffnungsvollen Anfängen eine grosse, autarke Bewegung. «Die Idee hat sich als goldrichtig erwiesen», schrieb der Beobachter – 1985!

Anzeige

Das war kein publizistischer One-Night-Stand.