Schneckentempo kann krank machen. Vor allem, wenn Probleme längst erkannt, Lösungen eigentlich gefunden sind, aber es doch kaum vorwärts geht. Wie bei der Invalidenversicherung: Die Summe der IV-Renten hat sich seit 1990 fast verdreifacht, und die Klagen über die finanzielle Misere sind schon lange nicht mehr zu überhören. Bewirkt haben sie aber vor allem eins: die unsägliche Debatte über «Scheininvalide» – als ob die Schweiz, sonst eher hohem Arbeitsethos als dem Blaumachen zugeneigt, plötzlich ein Eldorado für Simulanten geworden wäre. Zudem bremst der Souverän: Der Versuch, der Invalidenversicherung via Mehrwertsteuer mehr Einnahmen zu verschaffen, ist an der Urne gescheitert.

Höchste Zeit also, das Ausgabenwachstum zu begrenzen. Nicht jeder IV-Fall müsste einer sein, wenn Erkrankte oder Unfallopfer den Anschluss an die Arbeitswelt gar nicht erst verlieren würden. Wer abgehängt ist, dem bleibt nur die IV-Rente als Perspektive. Dann konzentriert sich alles aufs Kranksein und auf langwierige Abklärungen, die oft erst recht eine Genesung verhindern – statt auszuloten, was die betreffende Person noch leisten könnte.

Ein Perspektivenwechsel ist überfällig. Daniel Benz und Simon Thönen zeigen in unserer Titelstory (siehe Artikel zum Thema «Invalidenversicherung: Neue Rezepte gegen Pleite»), wie das so genannte Case-Management funktioniert. Dabei führt ein Lotse durch das Geflecht von Ärzten, Versicherungen, Arbeitgebern und Behörden, um den Betroffenen weiterhin eine Berufstätigkeit zu ermöglichen. Doch bisher gibt es bloss vereinzelte Ansätze von Versicherern, auch wenn das Sparpotenzial beträchtlich ist. Meist aber schieben Betriebe weniger produktive Mitarbeiter an die IV ab und lassen die Allgemeinheit zahlen. Das ist fatal, denn wo soll die Trendwende beginnen, wenn nicht am Arbeitsplatz?

Auch der Staat bewegt sich gemächlich. Mit der 5. IV-Revision sind zwar Pilotversuche zur Früherkennung vorgesehen – bis Ergebnisse vorliegen, wird es aber Jahre dauern. Vorerst gilt Sparen wie gehabt: So verweigert der Bund den IV-Stellen Personal für die Jobvermittlung, auch wenn sich eine solche Investition unter dem Strich bezahlt machen würde. Wie gesagt: Problem erkannt, Lösung klar. Aber wir wollen doch nichts überstürzen.

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