Der Inhalt vieler 1.-August-Reden ist leicht im Voraus zu erahnen. Dem Fussball sei Dank: Wir dürfen uns wieder offen als Schweizerinnen und Schweizer fühlen, wir können dies sogar freudvoll mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust demonstrieren. Und selbst die Landeshymne haben wir geübt - in Fussballstadien und vor Grossleinwänden. Es lebt also doch, unser Nationalbewusstsein - bei Jung und Alt, Urschweizern und Secondas.

Mit «unserem» Köbi Kuhn, mit Zubi, Yakin, Djourou haben wir uns gehörig von allen anderen Nationalteams abgesetzt: Wir sind anders, wir sind Schweizer! Das klingt weniger provokativ als auch schon. Und es ist erst noch wahr. Edith Lier und Christoph Schilling liefern überraschende Befunde, wie tief bei uns das «Nationalbewusstsein» verankert ist (siehe Artikel zum Thema «Geschmack: So isst die Schweiz»).

Essen und Wohnen sind die wichtigsten Grundbedürfnisse des Menschen. Wenn sich hier der Geschmack unterscheidet, unterscheidet sich alles. Und tatsächlich: Wir sind zwar einem gelegentlichen Besuch bei McDonald’s nicht abgeneigt, aber unsere Geschmacksknospen sind national geeicht. Der Nahrungsmittel-Multi Nestlé muss uns deshalb seinen Nescafé mit einem anderen Aroma liefern als den Deutschen oder den Franzosen. Ja, wir haben sogar den Möbelgiganten Ikea weich gekocht. Er trägt jetzt dem Sonderfall Schweiz gebührend Rechnung und liefert Matratzen, die unseren nationalen Schlafgewohnheiten entgegenkommen. Wie gesagt: Wir sind anders, wir sind Schweizer!

Wir sind so sehr Schweizer, dass unser Föderalismus sogar in Geschmacksfragen gilt: Neben dem Röstigraben durchziehen auch eine Suppenrinne oder gar ein Vitaminwall unser Land. Und während wir uns in Geschmacksfragen behaglich in unserer regionalen Kleinräumigkeit eingerichtet haben, bereiten wir die ganz grosse Offensive im Ausland vor. Die «Swissness», der wir selbst nicht immer so ganz trauen, soll uns die internationalen Märkte öffnen. Davon waren wir ja schon immer überzeugt: dass das Ausland unseren Nationalismus höher einschätzt als wir selbst.

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