Die Frau ist nicht zu beneiden. Ende März hat sie ihre Anzeige in einer Schweizer Internet-Kontaktbörse platziert. Nicht dass sie keine Chancen hätte – im Gegenteil. «38 Jahre, 176 cm, 60 kg, Nichtraucherin, ledig, kinderlos, Hochschulbildung, als Selbstständige in der Baubranche tätig», dazu das Porträtfoto einer gut aussehenden Frau. Früher hätte man sie wohl vage als «keine schlechte Partie» bezeichnet, heute lässt sich ihre Attraktivität auf dem Beziehungsmarkt leicht beziffern: 130 Antwortmails in den ersten 15 Stunden. Was die Wahl des Richtigen nicht gerade leichter macht.

Das Internet ist dabei, die Partnerwahl gründlich zu verändern, wie unsere Titelstory zeigt (siehe Artikel zum Thema «Internet-Flirt: Liebe auf den ersten Klick»). Abertausende Inserate sind auf Schweizer Servern abrufbar – die Suche per Kontaktanzeige, noch vor wenigen Jahren eher als letzte Zuflucht der Verzweifelten belächelt, ist zum Gesellschaftsspiel geworden. So wie wir uns vor dem Kauf eines Computers online einen Marktüberblick verschaffen, können wir von zu Hause aus bequem eine Übersicht über ein riesiges Angebot möglicher Partner gewinnen. Oder, nach Belieben, die Suche per Kriterienraster fokussieren.

So effizient, wie es scheinen mag, ist diese Art der Partnerwahl wohl doch nicht. Im richtigen Leben können wir in Sekunden abschätzen, wen wir interessant, sympathisch oder attraktiv finden – all unsere Sinne sind beteiligt. Bei der digitalen Fahndung nach der Frau oder dem Mann des Lebens klicken wir uns dagegen durch Steckbriefe, um anhand der verfügbaren Daten mühsam eine Art Phantombild zu erstellen.

Das hat seinen spielerischen Reiz, erklärt aber noch nicht, warum das Geschäft mit der Partnersuche im Netz derartig boomt. Der Grund ist wohl ein anderer: Das Internet bietet einen geschützten Rahmen für die Kontaktaufnahme. Den brauchen wir offenbar, denn im realen Leben haben wir unsere Verpflichtungen, sind unter Zeitdruck und panzern uns oft gegen die Aussenwelt. Anbandeln in der Warteschlange oder im Café? Dazu gehört heutzutage eine gehörige Portion Mut. Schade – ein Blick sagt manchmal mehr als 130 Mails. Und ist viel schneller erwidert.

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