Es stimmt: Strassen werden gebaut, weil wir nicht aufs bequeme Auto verzichten wollen. Atomkraftwerke werden gebaut, weil wir jederzeit über genügend Strom verfügen wollen. Antennen werden gebaut, weil wir von jedem beliebigen Ort zum andern telefonieren wollen. Dauerstaus, Energieengpässe oder Funklöcher bringen die Volksseele rasch zum Kochen. Und deshalb wird gebaut – auch auf Vorrat.

Allerdings: Das ist nur die halbe Wahrheit. Bevor gebaut wird, werden Bedürfnisse geweckt: nach grenzenloser Mobilität, energiefressendem Luxus, Kommunikation als Lebensstil. Es ist auffallend, wie begeistert die ersten Nationalstrassen und Atomkraftwerke begrüsst worden sind (die Antennen haben sich eher unbemerkt, aber anfänglich völlig oppositionslos etabliert). Der Siegeszug der Technik ist mitreissend; die Vorteile sind augenfällig, Nachteile kaum in Sicht. Mindestens für die nicht, die den technischen Fortschritt euphorisch nutzen wollen.

Politik ist die Kunst des Vorausschauens. Jahrzehntelang war es ein Vergnügen, Verkehrs- und Energieminister der Schweiz zu sein. Flughafenausbauten, Alpentunnels, Autobahnteilstücke: Die Eröffnungsfeiern waren grandios, die Bevölkerung begeistert. Heute sind Bundesrat Moritz Leuenberger und sein Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation zur beliebtesten Klageadresse der Schweiz geworden: Fluglärm, Autoabgase, Atomabfälle, Elektrosmog – es hagelt Kritik aus der Bevölkerung. Und die Kritik trifft die Politik seltsam unvorbereitet.

Unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema «Elektrosmog Sturm auf die Antennen») zeigt, wie wenig die Politik den Ängsten im Volk rund um die massenhaft erstellten Antennen entgegenzusetzen hat. Die Behörden operieren mit ungenügenden Gesetzen und lückenhaftem Wissensstand. Dass unsere Politiker anfänglich der gleichen Technikeuphorie erlegen sind wie das Volk, das macht sie vielleicht menschlich. Sehr vorausschauend, problembewusst und vertrauenerweckend ist das aber nicht.

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