Der Mann trägt einen Zylinder und raucht genüsslich eine Zigarre. Er blickt auf eine offene Holzkiste mit kleinen Menschen drin. «Uhrmacher», steht auf der Kiste, «kann man immer wieder mit falschen Vorspiegelungen hinhalten.» Daneben eine Schachtel mit der Aufschrift «Bauarbeiter: im Winter das Hungern gewohnt.» Und noch ein Korb, gleich daneben: «Frauen: Schaffen für einen Pfifferling.»   Die Karikatur trägt den Titel «Arbeitsmarkt» und ist 1896 im «Neuen Postillon» erschienen. Seither sind mehr als 100 Jahre vergangen, den «Postillon» gibts nicht mehr, der Generalstreik ist längst Geschichte, und die Schweizer Tagespresse vermeldet eine «Wirtschaft in Hochform».

  Irgendwas läuft trotzdem falsch. Sonst würde nicht eine halbe Million Arbeitnehmer in diesem Land monatlich weniger als 3000 Franken netto verdienen. Genauer: Arbeitnehmerinnen, denn sie sind besonders stark in Billiglohnbranchen vertreten. Wie heisst es in der Karikatur? «Frauen: Schaffen für einen Pfifferling.»   Es lohnt sich, ab und zu darüber nachzudenken, ob wir denn verdienen, was wir verdienen. Klar, wir alle hätten gern mehr auf dem Salärkonto. Wenn sich aber Hunderttausende für Löhne abrackern, die beim offiziellen Existenzminimum liegen, dann ist die Antwort klar: Sie verdienen nicht, was Menschen in der reichen Schweiz auf jeden Fall verdienen sollten: einen Lohn, der für ein anständiges Leben reicht. Lesen Sie unsere Titelgeschichte.

Halt, sagen die Arbeitgeber. Der Markt bestimmt den Preis. Punkt. Geht aber die Schere zwischen Arm und Reich immer stärker auf, und das tut sie seit längerem, besteht Handlungsbedarf. Hätten sich die Angestellten nicht gewehrt, hätte der Staat keine Leitplanken gesetzt – und wir würden wohl noch heute 70 Stunden pro Woche schuften.

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Doch immer dann, wenn die Situation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verbessert werden soll, ziehen die Wirtschaftskapitäne ihr Lieblingsargument aus der Tasche. Wir alle kennen es: «Die Konkurrenzfähigkeit verschiedener Industriezweige wird schwer beeinträchtigt, ja vielleicht vernichtet.» Der Satz stammt aus dem Jahr 1877. Die Arbeitgeber bekämpften damals die Einführung des Elfstundentages in den Fabriken. So viel zum Thema neue Argumente.

Niemand von uns will zurück in die Steinzeit. Aber neben dem Reich der Notwendigkeit – sprich Arbeit – muss es auch ein Reich der Freiheit geben. Dafür braucht es eine gewisse ökonomische Unabhängigkeit. Bei weniger als 3000 Franken Lohn gibt es keine Freiheit, und das schafft sozialen Sprengstoff. Genau der führte zu Karikaturen wie jener von 1896. Und dann zu Staatskrisen. Wollen wir diesen Teil der Geschichte wirklich wiederholen?

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