Mal ganz ehrlich: Sind Sie Kindern ein gutes Vorbild? Ja? Dann gehen Sie die letzten 24 Stunden kurz durch und stoppen den Film immer dann, wenn Sie ganz ehrlich einräumen müssen: «Das war nicht sehr vorbildlich - gut, hat mich kein Kind dabei beobachtet.» Zum Beispiel, als Sie eifrig in der Nase bohrten. Oder lauthals über einen Ausländerwitz lachten. Oder hemmungslos eine Spinne zerquetschten. Oder bei Rot über den Fussgängerstreifen gingen.

Sehen Sie, doch nicht so vorbildlich, wie Sie glaubten. Zugegeben, es ist ziemlich anstrengend, dauernd Vorbild zu sein. Aber «das Kind ist biologisch darauf angelegt, sein Verhalten nach Vorbildern auszurichten», schreibt der Zürcher Kinderarzt und Buchautor Remo Largo.

Gefordert sind namentlich die Eltern. Denn sie erfüllen die wichtigsten Kriterien, damit ein Kind jemanden zum Vorbild nimmt: Sie sind seit der ersten Stunde mit ihm zusammen und sie haben eine positive Beziehung zu ihm.

Wie genau die Jungen hinschauen, zeigten die Gespräche mit Kindern und Eltern zum Artikel «Spieglein, Spieglein an der Hand…» (siehe Artikel zum Thema): «Nicht gut finde ich», kritisierte die neunjährige Jenny bei der Recherche, «wenn die Mama manchmal ‹Ja› zu etwas sagt und nachher doch ‹Nein› und dann ‹Ja, aber…›. Sie sollte sich entscheiden und dabei bleiben.» Oder der dreizehnjährige David, der auch mal eine Ohrfeige einfängt, meinte ungefragt: «Ich hoffe, dass ich mich besser beherrschen kann, wenn ich selber Kinder habe.»

Was die Gespräche auch zeigten: Eltern gewähren ihren Kindern viel Bonus - bisweilen zu viel, wie bei der elfjährigen Carla: «Obwohl ich etwas unordentlich bin, ist mein Vater sehr geduldig. Da wäre ich härter.» Sie sehen, man ist immer Vorbild - ob man will oder nicht. Und da ein (Vor-)Bild mehr sagt als tausend Worte, gilt: vorleben statt vorschreiben.

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