Wohnen muss man sich erst einmal leisten können; das zeigen die Immobilieninserate in Ballungszentren. Beispiele aus Zürich: Dreizimmer-Dachwohnung im Kreis 4 2190 Franken; Dreizimmerwohnung im Kreis 3 2500 Franken; 4 1⁄2-Zimmer-Wohnung im Kreis 5 2660 Franken. Dabei geht es keineswegs um Luxusappartements, denn die werden für vier, fünf oder noch mehr Tausender angeboten.

Wer ausgerechnet jetzt eine Bleibe suchen muss, braucht ein stattliches Einkommen oder viel Glück am besten beides. Im vergangenen Jahrzehnt sind die Mieten, auch wegen gestiegener Ansprüche an Raum und Komfort, deutlich schneller geklettert als allgemeine Teuerung und Löhne. In einem Land, wo gut zwei Drittel der Bevölkerung in einem Mietverhältnis leben, birgt diese Entwicklung erheblichen sozialen Sprengstoff. Das existenzielle Bedürfnis Wohnen wird für immer mehr Menschen zum existenziellen Problem.

Einen Ausweg bieten traditionell die mehr als 1000 gemeinnützigen Baugenossenschaften: Ihre Mietzinse liegen in der Regel unter denen des freien Markts. Doch damit könnte es bald vorbei sein, wie unsere Titelgeschichte zeigt (siehe Artikel zum Thema: «Nur noch Fassade»). Denn die meisten Genossenschaftshäuser sind in die Jahre gekommen und nun reif für umfassende Renovationen. Oft heisst das: Abriss der alten Gebäude und Neubau. Die Mieten verdoppeln sich dann schnell einmal wer da nicht mithalten kann, muss sich eine neue, bezahlbare Unterkunft suchen. Was, siehe oben, in den Ballungszentren äusserst schwierig ist. Doch offenkundig gewinnt die Logik des Markts auch bei den Genossenschaften an Terrain: Ihr sozialer Anspruch wird zunehmend von der Nachfrage nach komfortablen Wohnungen verdrängt.

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Auch in Unternehmen lassen sich wieder vermehrt Verdrängungskämpfe beobachten. Da entpuppen sich die Beteuerungen, wie ausserordentlich wichtig doch die Erfahrung der Altgedienten für den Betrieb sei, als wenig krisensicher. Oft sind es die Älteren, die als Erste vor die Tür gestellt werden (siehe Artikel zum Thema: «Undank ist der Firmen Lohn»). Möglich macht dies ein Kündigungsrecht, das im internationalen Vergleich wenig Schutz und viel Freiraum für Willkür bietet. So dass es ein Leichtes ist, soziale Gesichtspunkte hintanzustellen: Auf den Arbeitsmarkt entlassen werden dann diejenigen, die aus Sicht des Unternehmens den geringsten Marktwert haben. Nach jahrzehntelanger Betriebstreue ist das besonders bitter.