Meine Grossmutter, eine gemütvolle Bäuerin, pflegte zu sagen: «Bei den Reichen lernst du sparen.» Diese Lebensweisheit gründete auf der Erfahrung, dass Reichtum nicht zwingend von Grosszügigkeit, sondern bedeutend häufiger von Geiz begleitet ist. Seither sind die Reichen noch viel reicher geworden, und der Rest muss immer noch sparen lernen.

Die Schweiz steht vor einer wichtigen Weichenstellung. AHV-Revision, Steuerpaket, Mehrwertsteuererhöhung: Mit den drei Vorlagen entscheiden wir sehr direkt, wie viel Sozialstaat wir uns leisten wollen. Dreimal ist ein Ja oder ein Nein von uns gefordert, doch die Antwort fällt schwer. Unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema «Abstimmung: Dem Volk bleibt nichts erspart») zeigt, wie sich die Fronten quer durch alle Parteien, Kantone, Gemeinden hindurch aufgebaut haben. Ein heilloses Verwirrspiel: Linke bekämpfen die AHV-Revision, die SVP will die Sozialwerke «retten», ohne mit einer Mehrwertsteuererhöhung die Finanzierung sicherzustellen, bürgerliche Kantonsregierungen proben den Aufstand gegen die bürgerlich dominierte Landesregierung.

Komplizierte Vorlagen sind ein idealer Nährboden für Demagogie. Viele werden den Steuersenkungen zustimmen, ohne zu merken, dass vorwiegend die Grossverdiener entlastet würden. Andere werden übersehen, dass sie das Steuergeschenk des Bundes mit Steuererhöhungen in den Kantonen bezahlen müssten. Und wer einem höheren Rentenalter für Frauen zustimmt, setzt (vielleicht ohne dies zu wollen) auch den Rotstift bei den Witwenrenten an. So oder so werden sich nach der Abstimmung alle Politikerinnen und Politiker auf den «eindeutigen Volkswillen» berufen.

Am 16. Mai werden die Lasten in unserem Land neu verteilt. Am leichtesten ist der Entscheid für die Reichen: Sie können viel Geld sparen. Doch selbst unter den Superreichen werden kritische Stimmen laut. Der Winterthurer Andreas Reinhart etwa warnt, dass unser Land immer mehr an Solidarität verliert (siehe Nebenartikel «Andreas Reinhart: Dynamit für die Gesellschaft», zu finden unter dem Artikel zum Thema «Steuern: Gerechte Lasten statt Mogelpaket»). Er hat die Erfahrung gemacht, «dass Leute umso knausriger werden, je mehr Geld sie haben». Das könnte auch meine Grossmutter so formuliert haben.

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