Zuerst erzählen dir alle, wie toll das dort ist. Dann fragen dich alle, ob du dich freust. Und dann begleiten dich Papi und Mami persönlich – nur um zu sehen, ob du dich auch wirklich freust: der erste Schultag. An diesem Tag beginnt bekanntlich der Ernst des Lebens, und zum Trost schenken sie dir einen farbigen Schulranzen – damit das alles ein bisschen leichter zu ertragen ist.

Meine Schulzeit verlief nicht sehr glücklich. Von einigen Pädagogen habe ich nur eine Erinnerung: Ich sehe sie zuschlagen. Der erste brauchte dazu sein Lineal. Der zweite hatte so viel Punch, dass sogar unser Klassenstärkster quer durchs Zimmer flog. Der dritte holte mit dem Arm ganz weit aus. «Sei froh, du bist jetzt einen "Chlapf" im Plus», sagte der Lehrer, als er mich traf, weil ich dummerweise hinter ihm stand. Kurz darauf wechselte ich die Stufe. Seither habe ich eine Ohrfeige zu verschenken, die nicht ausgeteilt werden darf.

Ich schenke sie all jenen Kindern, deren Eltern oder Lehrer glauben, ein «Chlapf» zur rechten Zeit habe noch niemandem geschadet. Das ist Unsinn. Gewalt ist handgreifliche Ohnmacht: Wer zuschlägt, zeigt damit, dass ihm die Argumente ausgegangen sind. So was darf gerade in der Schule nicht passieren. Trotzdem wird in letzter Zeit vermehrt geprügelt. Vermutlich, weil das Bildungswesen in einer ohnmächtigen Situation ist.

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Eine auf Geschwindigkeit getrimmte Gesellschaft verlangt in immer schnellerem Rhythmus Reformen, was die Schulen in Bedrängnis bringt. Dazu kommen neue Aufgaben, wie etwa die Ausländerintegration. «Wir sind müde und überfordert», heisst es in vielen Lehrerzimmern. Damit nicht genug: Auch die Zahl der extrem schwierigen Schüler steigt dramatisch an. Und zum Dank dafür gibts noch mehr Lehrerwitze.

Wen wunderts, dass immer weniger junge Leute Lust auf den Lehrerberuf haben. Vor allem die Männer wenden sich ab: Zu viel Ärger, zu geringes Prestige, zu wenig Karrieremöglichkeiten, sagen sie. In der Primarschule sind bereits drei Viertel aller Lehrkräfte Frauen. Das ist gefährlich – Berufe, die vorwiegend von Frauen ausgeübt werden, verlieren an Prestige und geraten regelmässig unter Lohndruck.

Das ist ein Faktum; Kindergärtnerinnen oder Krankenschwestern können darüber viel erzählen. Tiefe Löhne und tiefes Prestige wiederum machen den Beruf noch weniger attraktiv. Ein Teufelskreis. Entsprechend beunruhigt ist man beim Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Zentralsekretär Urs Schildknecht sagt: «Es brennt, aber niemand merkt es.» Ich befürchte, der Mann hat Recht.

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