8.30 Uhr im 13. Stock eines noblen Hotels in Zürich. Ich habe es geschafft und gehöre zu den Auserwählten für ein erstes Casting. Tausende von Mitbewerbern habe ich ausgestochen, und ausserdem haben die «Big Brother»-Leute auch nicht gemerkt, wer ich wirklich bin. Also rein ins Zimmer: «Salü, ich bin der Mike», begrüsst mich Mike Helmy, Produzent bei Lava TV. «Gäll, du bist der Marc und arbeitest beim Beobachter.» Hoppla – 1:0 für «Big Brother». Aber was solls: Von nun an bin ich als Privatmann hier und ich will nur eines: rein in den Container. Alles kein Problem, schliesslich bin ich selbstbewusst, telegen, witzig und charmant. Kurz: eine Idealbesetzung. Auf in die erste Runde zum Psychotest. Wie reagiere ich in Extremsituationen? Dazu gibts jede Menge Fragen und 120 Felder für ein Bleistiftkreuz. Zweite Runde: Neun Bewerber werden in ein Zimmer gerufen. «Baut aus Jass-karten gemeinsam ein Haus. Wir werden euch filmen.»

Die Aufgabe ist knifflig, der Tisch extrem rutschig. Jeder versucht sich in den Vordergrund zu drängen. Das gelingt einer jungen Frau aus der Ostschweiz besonders gut. Sie hat als einzige erkannt, dass die Karten gefaltet werden müssen, damit auf der glatten Unterlage ein Haus aufgebaut werden kann. Nach einer halben Stunde kollektiven Bastelns folgt Runde drei: Einzelinterview. Ich gebe alles, lasse meinen Charme spielen. Auf dem Heimweg male ich mir bereits die bestürzten Gesichter der Chefredaktion und meiner Familie aus, wenn ich ihnen erkläre: «Ich bin jetzt 100 Tage weg, aber ihr schafft es bestimmt auch ohne mich.» Dann das Ergebnis des Castings: Wohin ich auch blicke, sehe ich Einschätzungen im Mittelfeld, und enorm hart treffen mich zwei Worte: «zu uninteressant». Okay Leute, ich bin also nicht im Container zu sehen. Aber das hat ja auch sein Gutes: Niemand filmt mich beim Zähneputzen.

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