Einig ist sich das Parlament in Bern nur sehr selten. Beim Thema «Einlegerschutz» war es aber so. Von links bis rechts applaudierten die Politiker, dass der Bundesrat beantragte, den gesetzlichen Schutz der Kleinsparer bei Bankenpleiten von 30'000 auf 100'000 Franken anzuheben. Schliesslich haben andere Länder Ähnliches ebenfalls beschlossen.

Wer bietet mehr? Fast wie bei einer Auktion übertrafen sich die Staaten einer nach dem andern mit immer höheren Summen, die sie den Sparern garantieren. In Belgien sind es 100'000 Euro, in den USA 250'000 Dollar - Deutschland, Österreich, Irland, Dänemark und Schweden wollen gar unbegrenzt haften.

Was spricht dagegen, den Schutz auch in der Schweiz zu erhöhen? Auf den ersten Blick nichts. Die Banken als Mitverursacher der Wirtschaftskrise werden mit Milliardenspritzen gerettet - da erscheint es nichts als gerecht, auch das mühsam Ersparte von Herrn und Frau Schweizer zu schützen. In einer repräsentativen Umfrage der «Sonntags-Zeitung» von Mitte Oktober haben sich denn auch fast drei Viertel der Befragten für einen verbesserten Einlagenschutz ausgesprochen.

Wer allerdings genau zuhört, merkt, dass es mehr um eine Beruhigungspille geht denn um echten Schutz. Die Sparer sollten den Banken wieder vertrauen können, argumentieren die Politiker, darum müsse der Einlegerschutz erhöht werden. Will heissen: Die verunsicherten UBS-Kunden sollen endlich aufhören, in Scharen ihre Konten aufzulösen, weil die angeschlagene Grossbank sonst noch mehr in Schieflage gerät. Es geht also weniger um den Schutz der Sparer - es geht darum, eine Bank zu retten.

Das ist zweifellos wichtig. Aber es ist unredlich, den Kleinen vorzugaukeln, sie zu schützen, während eigentlich die Interessen der Grossen - oder allenfalls die Volkswirtschaft als Ganzes - im Mittelpunkt stehen. Umso mehr, als der Schutz in einem Ernstfall gar nicht funktionieren würde. Das Geld, das angeblich garantiert ist, liegt nirgends bereit. Falls es zum Crash einer Bank käme, würde auch nicht der Staat bezahlen. Vielmehr müssten die anderen Schweizer Finanzinstitute für den Schaden aufkommen. Vier Milliarden sind heute garantiert; das Parlament stockte diesen Betrag jetzt auf sechs Milliarden auf. Klingt nach viel, ist aber viel zu wenig. Es reicht genau, um 60'000 Leuten je 100'000 Franken auszuzahlen - schon grössere Regionalbanken haben mehr Kunden.

Die maximale Garantiesumme lässt sich bei diesem System nicht beliebig nach oben schrauben, sonst führt ein Bankencrash zu einem Dominoeffekt: Die noch gesunden Banken gerieten in Schwierigkeiten, weil sie den Kunden einer maroden Kollegin unter die Arme greifen müssten. Damit würde aber das eigentliche Ziel der Übung völlig verfehlt. Und darum wird auch klar, warum ein höherer Einlegerschutz nicht einmal eine Beruhigungspille ist, sondern eigentlich ein Placebo: ein Medikament ohne Wirkstoff.

Er setzt sogar falsche Anreize und verleitet die Sparer zur Sorglosigkeit auf Kosten anderer: Warum sollte ich mich mit einem Sparzins von 0,125 Prozent bei Bank A begnügen, wenn Bank B mit vier Prozent lockt? Dass sie grosse Risiken eingeht, um diesen Zins zu bezahlen, ist nicht mein Problem: Gehts schief, zahlt irgendwer. Das gilt selbstredend noch viel stärker für Bankmanager: Weshalb sollten sie auf eine vernünftige Geschäftspolitik setzen, wenn im Schadensfall ohnehin andere die Zeche bezahlen? So subventioniert Josefine A. mit ihrem mickrigen Sparzins bei der Sparkasse Obertupfigen ungefragt die riskanten Geschäfte der isländischen Kaupthing-Bank: Deren Schweizer Filiale lockte Anleger mit einem hohen Zins und ging prompt in Konkurs. Den Schaden berappen die übrigen Schweizer Banken - und damit auch Josefine A.

Das ist falsch. Wer Geld anlegt - und wer Geld annimmt, um es anzulegen -, kann und soll auch Verantwortung dafür übernehmen. Gleichzeitig sollten wir über stabilere und wirkungsvollere Modelle nachdenken, um die Sparguthaben zu sichern. Bankenprofessor Beat Bernet von der Uni St. Gallen etwa schlägt vor, den Schutz als eine freiwillige Versicherung von einer bankunabhängigen Institution anzubieten. Jeder Sparer wählt selbst, ob er den ganzen oder nur einen Teil des angelegten Geldes absichern will, die Prämie wird vom Sparzins abgezogen. Ebenso die Bank: Je risikoreicher sie das Kundengeld anlegt und je weniger Eigenkapital sie hat, desto mehr Prämie bezahlt sie. Eine Art Diebstahlversicherung: Je mehr Schlösser ein Haus hat, desto tiefer die Prämie.

Auf diese Weise wäre erstens das Geld tatsächlich vorhanden, wenn es denn gebraucht würde, und zweitens müssten nur jene die Prämien bezahlen, die die Versicherung auch wirklich brauchen und wollen. Doch eine grundlegende Reform des Einlegerschutzes haben Bundesrat und Parlament auf die lange Bank geschoben - stattdessen werden die Sparer mit einer Placebo-Therapie ruhiggestellt.