Seit seinem Amtsantritt vor über anderthalb Jahren sorgt der Vorsteher des Klosters Einsiedeln für Schlagzeilen. Abt Martin vertritt dezidierte Meinungen und scheut den effektvollen Medienauftritt nicht. Er äusserte sich gegen die SVP-Asylinitiative und gegen den Irak-Krieg. Die Boulevardpresse war dabei, als er den Schauspieler Martin Schenkel in den Tod begleitete. Und man weiss, dass er gern im Internet chattet und Microscooter fährt ein Kirchenmann, so unkonventionell und populär wie kaum ein anderer.

In dieses Bild passt gut, dass er es war, der den Anstoss zu einer etwas anderen Wallfahrt gegeben hat: Diesen Sommer sollen Leute auf ihre Rechnung kommen, die «mit der Kirche im Clinch» sind, deren Verhältnis zu Glaube, Religion und katholischer Kirche getrübt ist. «Wir versuchen, der Wallfahrt eine zeitgemässere Ausrichtung zu geben», sagt Gerhard Oswald, Präsident des Organisationskomitees.

Moderne Fragestellungen

Zwar kommen nach wie vor viele Pilger. Aber früher reisten sie scharenweise an und verbrachten oft gleich mehrere Tage in Einsiedeln. Heute kommen die meisten nur noch für einen Tag. «Bietet Einsiedeln den Wallfahrern noch, was sie suchen?», fragt sich Oswald.

Die «Clinch-Wallfahrt», wie sie von den Organisatoren genannt wird, will jedenfalls etwas Neues bieten: Während dreier Tage finden Gesprächsforen zu Themen wie «Spiritualität was hat die Kirche zu bieten?», «Wo bleiben die Frauen?», «Kirche und meine Sexualität», «Ist meine Meinung in der Ortskirche gefragt?» statt. Zusätzlich gibts ein kulturelles Rahmenprogramm mit Theater, Ausstellungen und Konzerten sowie Sportliches wie etwa Wanderungen oder Mountainbiketouren in Begleitung von Klosterbrüdern.

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«Der Ausdruck Wallfahrt ist eigentlich nicht ganz zutreffend», meint Pater Othmar, Pressesprecher des Klosters. Im Programm werden die drei Tage auch als «Erlebnistage» vorgestellt. Und Pater Othmar nennt die «Clinch-Wallfahrt» einen «Anlass für Begegnung und Besinnung». Eine Marketingmassnahme der katholischen Kirche? Ein Versuch, verlorene Schäfchen zurückzugewinnen?

«Nein», sagt Pater Othmar, «es ist ein Angebot für Kirchenmüde, die mit dem Bodenpersonal der Kirche Probleme haben. Man will ihnen helfen, den eigenen Weg zu finden. Der mag zurück in die Kirche führen oder auch nicht.»

Die Reaktion ist noch mässig

Oswald betont den experimentellen Charakter der Aktion: «Es ist ein Versuch, zu dem es auch kritische Stimmen gibt.» Die seien auch im Kloster laut geworden, doch bezögen sie sich weniger auf die Wallfahrt als auf mögliche langfristige Konsequenzen. Denn der Spagat zwischen traditionellen Werten und neuen Formen provoziere eine Öffnung des Klosters, die für einzelne Mönche zu rasch erfolgen könnte.

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Die bisherige Resonanz in der Öffentlichkeit ist laut Gerhard Oswald «am unteren Rand von zufrieden stellend». Immerhin hat sich eine dreistellige Zahl von Interessierten gemeldet. Sollte die Wallfahrt für Kirchenmüde Erfolg haben, sind weitere «Sparten»-Wallfahrten denkbar etwa für Aidskranke oder Homosexuelle.

Das Potenzial an Pilgern sei gross, sagt Gerhard Oswald. Vielleicht könnten in Zukunft jährlich einige tausend Hotelübernachtungen zusätzlich gezählt werden. Auch in Einsiedeln, das jahrhundertelang von den Wallfahrern lebte, serbelt das Tourismusgeschäft. 200000 Hotelübernachtungen pro Jahr waren es vor gut 30 Jahren heute sind es noch rund 50000. Restaurants, die tagsüber gut laufen, sind abends mangels Kundschaft geschlossen. Die Pilger setzen auf Tagesausflüge, weil sie einerseits immer mobiler werden und anderseits mehr aufs Geld schauen müssen. Folge: Mehrere Hotels in Einsiedeln haben Konkurs gemacht.

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«Man hat sich zu sehr auf die Wallfahrer verlassen», sagt Hotelier Werner Hübscher, der vor zweieinhalb Jahren das konkursite Hotel Drei Könige kaufte. Viele Hotels sind überteuert und haben eine veraltete Infrastruktur. Hübscher hingegen versucht, mit der Erschliessung von neuen Kunden konkurrenzfähig zu bleiben. Dank Seminaren und Banketten hat er eine gute Auslastung; nur etwa ein Drittel seiner Gäste sind Wallfahrer. Damit diese immer wieder kommen, bietet er ihnen günstige Pauschalarrangements an.

Weltliche Souvenirs brauchts

Wer allein auf die neuen Wallfahrten baue, «wird enttäuscht werden», warnt Hübscher. Schliesslich sei die Krise in der Einsiedler Hotellerie nur zu einem kleinen Teil auf die ausbleibenden Wallfahrer zurückzuführen, Hauptursache sei der allgemeine Strukturwandel in der Gastrobranche.

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Aber Einsiedeln besitzt immerhin einen Marketingvorteil den medienwirksamen Abt. Hübscher: «Abt Martin zieht Besucher an. Wir Hoteliers müssen schauen, dass sie ein bisschen länger bleiben.»

Die Devotionalienverkäufer unter den Arkaden am Klosterplatz spüren von der Krise im Wallfahrtstourismus nichts, sie leben von der Tageskundschaft. «Nützts nüüt, so schadts nüüt», meint Anton Beeler zur neuen «Clinch-Wallfahrt». Seit acht Jahren führt er mit seiner Frau einen Kiosk, wo er neben religiösem auch profanen Krimskrams feilbietet. Früher sei das Sortiment rein auf die Wallfahrer ausgerichtet gewesen, heute müsse man allen etwas anbieten können. «Vom Religiösen allein kann man nicht mehr leben.»

Die «Clinch-Wallfahrt» polarisiert. Eine Einladung zum Schlagabtausch ist die Pinnwand, die die Wallfahrtsorganisatoren vor der Klosterkirche aufgestellt haben und die als Klagemauer dient. Unterschiedlichste Positionen werden da kundgetan. «Eine gute Idee, diese andere Wallfahrt! Die Kirche sollte vermehrt dort sein, wo die Leute sind.» Aber auch: «Die katholische Kirche soll bleiben, wie sie ist. Wer sie kritisiert, soll sich einer anderen Religion anschliessen.» Und: «Dem Abt geht es ja nur darum, seine eigene Person durch die Medien zu profilieren.»

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Die Kirche ist noch im Dorf, doch die Türen sind weit aufgestossen worden.

Weitere Infos

«Mit der Kirche im Clinch», 9. bis 12. Juli in Einsiedeln. Nähere Informationen unter www.kloster-einsiedeln.ch oder www.clinch-wallfahrt.ch oder beim Wallfahrtsbüro des Klosters Einsiedeln: Pater Maurus Burkard, Tel. 055 418 62 70

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