1. Home
  2. Umwelt
  3. Umweltpolitik
  4. Geothermie: Angst vor Erdbeben

GeothermieAngst vor Erdbeben

Angst vor Erdbeben
Gescheitertes Geothermieprojekt in St. Gallen: Es hätte die halbe Stadt fernheizen sollen. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Wenn die Schweiz tatsächlich vom Atomstrom wegkommen soll, müssen alternative Energiequellen ­erschlossen werden. Doch der Widerstand ist gross. Zum Beispiel in Etzwilen TG.

von Susanne Loacker

Felder und Höfe, die Züge halten nur auf Verlangen: Das Land zwischen Stammerberg und Rhein ist dünn besiedelt. Anders ein paar Steinwürfe nördlich, auf der anderen Rheinseite, in Stein am Rhein, wo es an Wochenenden im Sommer vor Touristen nur so brodelt.

In Etzwilen TG brodelt es mehr im ­Untergrund. Auf einem alten SBB-Gelände soll ein Geothermiekraftwerk entstehen: Im sogenannten Multirissverfahren soll Wasser bis zu viereinhalb Kilometer tief ins Gestein gepresst und danach als Heisswasser zur Erdoberfläche zurückgeholt werden. Die Firma Geo-Energie Suisse will mit diesem Frackingprojekt vom Jahr 2020 an Strom für 5000 bis 6000 Haushalte produzieren (siehe «Was ist Fracking?»).

Seit bald zwei Jahren existieren Pläne, seit bald zwei Jahren weiss der Gemeinderat vom Vorhaben. Im Februar 2013 wird die lokale Bevölkerung zum ersten Mal in Kenntnis gesetzt. Bald formiert sich Widerstand, an den Ortseinfahrten und am Stras­senrand stehen Plakattafeln der «Gruppe besorgter Etzwiler»: «Wir fordern Sicherheit!» Die Gruppe hat eine Petition lanciert, die verlangt, dass das Projekt gestoppt wird, bis das kantonale Gesetz für die Nutzung des Untergrunds in Kraft ist.

Keiner hat Lust auf Lärm und Lastwagen

Die Sorgen der Anwohner haben ihre Gründe. Niemand möchte mit Aussicht auf ein Geothermiewerk wohnen, niemand will, dass künstlich ausgelöste Erdbeben die Mauern seines Hauses erschüttern, ­keiner hat Lust auf Lärm und Lastwagen. Noch sind die gescheiterten Projekte von Basel und St. Gallen in Erinnerung. Allerdings betonen alle Beteiligten, dass in Etzwilen vieles anders, besser, sicherer sei als in Basel oder St. Gallen.

Während die einen ein Frackingverbot fordern, sagen die anderen, Fracking im ­eigentlichen Definitionssinn, also unter Einsatz chemischer Hilfsmittel, sei in der Schweiz bereits durch das Grundwasser­gesetz verboten. In Etzwilen spricht die ­eine Seite recht niedlich von «Stimulation des Untergrunds», während die andere sich vor Gasaustritten und Erdbeben ­fürchtet. Magdalena Rinderer, engagierte Mediensprecherin der Gegner, hat ordner­weise Material gesammelt und akribisch alle Anfragen an die zuständigen Instanzen dokumentiert. Die Ängste der Anwohner, betont die Gruppe, beruhen auf sehr vielen rational nachvollziehbaren Gründen.

In die Kritik geraten ist im Lauf der ­Krise der Gemeinderat von Wagenhausen, der Gemeinde, zu der Etzwilen gehört. 751 Haushalte, 1071 Stimmberechtigte. Der parteilose Gemeindeammann Harry Müller, der in Stein am Rhein ein Architekturbüro führt, hat offiziell ein 35-Prozent-Pensum in der Verwaltung. Und eine Aufsichtsbeschwerde am Hals: Ein Mitglied der «Gruppe besorgter Etzwiler» hat ihm Amtsanmassung und Bevorteilung vor­geworfen. Stein des Anstosses: eine Reise nach Deutschland, zu der Geo-Energie Suisse die Mitglieder der Begleitgruppe zum Geothermieprojekt eingeladen hat.

Müller sagt: «Die projektierende Firma hat die Studienreise organisiert und bezahlt. Die Mitglieder von Gemeinderat und Begleitgruppe wollten sehen, wie so ein Werk aussieht, es hören und riechen. Die Aufsichtsbeschwerde ging gegen mich persönlich, das finde ich unsachlich.» Mittlerweile hat das zuständige Departement die Beschwerde abgelehnt. Dabei hat Müller durchaus Verständnis für die Sorgen der Anwohner: «Die Petition, die Sicherheit und Haftungsklärung verlangt, könnte ich eigentlich problemlos unterschreiben. Auch ich will Sicherheit.»

«Bereit, ein Restrisiko zu tragen?»

Auch Andrea Paoli, im Kanton Thurgau ­Abteilungsleiter Energie, versteht die Anwohner, die sich wegen der Geothermiepläne Sorgen machen: «An sich ist die Haftungsfrage geregelt – der Versicherungsnachweis ist Bestandteil einer allfälligen Konzession», sagt er. Doch gleichzeitig ist ihm klar, wie schwierig es für den Einzelnen im Ernstfall sein kann, sich gegen eine grosse Firma wie die Geo-Energie Suisse zu wehren. In ihr haben sich mehrere grosse Schweizer Energieunternehmen zusammengeschlossen, unter anderem die Stadtwerke von Basel, Bern und Zürich.

Dennoch steht laut Paoli immer die Frage im Raum, was geschehe, wenn die betreffende Firma insolvent werde. «Auch das ist zwar grundsätzlich geregelt, aber es kann dann doch aufwendige und langwierige Verfahren geben.» Aber Paoli schränkt ein: «Obwohl der Kanton alles daransetzt, für die Bedenken der Bürger Lösungen zu suchen, und keine Bewilligungen für Projekte erteilt, von denen anzunehmen ist, dass sie in irgendeiner Form Menschen ­gefährden, bleibt ein Restrisiko bestehen. Es stellt sich also die Frage, ob die Gesellschaft bereit ist, ein Restrisiko zu tragen, um eigene, umweltfreundliche Energie­ressourcen zu erschliessen.»

Tatsache ist: Wenn die Schweiz die Energiewende schaffen will, führt an erneuerbaren Energien kein Weg vorbei. Sieben Prozent des Energiebedarfs, schätzen Experten, könnten langfristig von Geothermiekraftwerken erzeugt werden. Der Strom für 5000 bis 6000 Haushalte aus Etzwilen wäre kein Anlass zu übermässiger Begeisterung. Aber ein Schritt vorwärts für einen Kanton, der zu 75 Prozent von Atomstrom abhängt – mehr als der Schweizer Schnitt.

Ein Feldweg könnte das Projekt erledigen

Im Moment sieht es so aus, als hätte der Widerstand sein Ziel erreicht. Für Etzwilen ist die Planung auf Eis gelegt. Grund dafür ist ein Feldweg. Der grenzt direkt an die SBB-Gewerbezone, gehört aber zur Landwirtschaftszone. Dieser Weg, 713 Quadratmeter Boden, müsste umgezont werden, damit das in der Industriezone liegende Grundstück korrekt erschlossen werden kann. In der Gemeindeordnung steht, dass eine Umzonung vors Volk muss, wenn fünf Prozent der Stimmberechtigten das Referendum ergreifen. 251 unterschrieben. Die Abstimmung über die Umzonung eines Feldwegs wird zum Test für die Zukunft der Geothermie in Etzwilen.

Etzwilen ist kein Einzelfall. Vor drei Jahren scheiterte in Bischofszell TG ein von der Axpo geplantes Holzkraftwerk an ­einem Quartierverein, kurz zuvor hatte die Axpo in Würenlingen AG Pläne für ein Holzkraftwerk wegen des Widerstands der lokalen Bevölkerung begraben müssen.

Da nützt es auch nichts, dass die Geo-Energie Suisse eine Viertelmillion Franken in Umweltverträglichkeitsprüfung, Risikostudien und ein Beweissicherungskonzept investiert hat, das die Haftungsfrage im Schadensfall klären soll. «Wir sind von ­Anfang an transparent vorgegangen», sagt Peter Meier, CEO der Geo-Energie Suisse, «aber eine 100-prozentige Erfolgsgarantie gibt es hier so wenig wie sonst irgendwo.» Man mache, so Meier, einen Lernprozess durch. Der Fall Etzwilen wirkt beispielhaft: «Solange ein teuer geplantes Projekt am Ende mit einem Referendum mit 251 ­Unterschriften lahmgelegt werden kann, wird sich sicher kein Investor mehr in ­einen Kanton vorwagen, wo solche Pläne auf Gemeindeebene scheitern können.»

Hintergrund: Was ist Fracking?

Fracking ist eine Methode zur Erzeugung von Rissen im Gestein im tiefen Untergrund, gewöhnlich mit dem Ziel, dort lagernde Gase oder Flüssigkeiten (meist Erdgas und Erdöl) zu gewinnen. Dazu wird unter hohem Druck Wasser durch ein Bohrloch in den tieferen ­Untergrund gepumpt. In der Regel ist das Wasser mit chemischen Zusätzen und Stützmitteln wie etwa Quarzsand versetzt – was zum Teil schädliche ­Folgen für die Umwelt hat. In der Schweiz ­verbietet das Gesetz den ­Einsatz von Stoffen, die das Wasser verschmutzen könnten. Beim Sonderfall des Frackings für die Geothermie wird im ­kristallinen Grund­gebirge ­ohnehin nur Wasser verwendet.

Veröffentlicht am 2014 M07 08