1

Nein, es war kein Traum. Im Halbschlaf noch hatte sie kurz gehofft, es regnete nicht wirklich. Seit vier Tagen war Anna vom Geräusch des Regens aufgewacht. Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, während sie sich aufrichtete. Freitag? Ja, es war Freitag. Sie hatte von Jonas geträumt. Anna sass auf der Bettkante. Es war ein längerer Traum gewesen. Jonas hatte sie nicht mehr erkannt. Wortlos war er im Kaufhaus an ihr vorbeigegangen. Er hatte nicht reagiert, als sie seinen Namen rief. Anna hob die Brauen, machte sich einen Kaffee, und murmelte: «Soll er doch.» An der Wohnungstür hing ihre neue Pelerine.



2

«Hast Du gestern Fernsehen geschaut?» Sie hätte wetten können, dass er wieder im Türrahmen ihres Büros stand. Seit diesem zufälligen, gemeinsamen Kaffee in der Kantine suchte der Arbeitskollege in regelmässigen Abständen das Gespräch. «Nein», sagte sie. Sie log. Sie mochte jetzt nicht reden. Erstens stand der Jahresabschluss an, und zweitens... «Du hast eine Menge verpasst!» Sie mochte sein Lächeln nicht, das war es. Dieses kalte Lächeln. Wie breit er in ihrem Türrrahmen lehnte! Nein, viele Verehrer hatte Anna nicht; und es war nicht so, dass sie welche vermisste. Aber ihre Fröhlichkeit war überall geschätzt. Der Kollege winkte in der Tür. «Es schöns Tägli!» Manchmal fragte sich Anna: Sollte ich ihm gegenüber deutlicher werden? Und sie staunte, dass sie schon wieder an Jonas dachte.



3

«Liebe Zuschauerinnen, liebe Zuschauer, der Tiefdruck hält an.» Der Wetterfrosch des Fernsehens rang die Hände. Nebst Rheinfelden, Basel und Baden standen jetzt auch Teile von Bern unter Wasser. Bereitschaftstruppen der Schweizer Armee standen unermüdlich im Einsatz. Unzählige Frauen hatten sich zum Zivilschutz gemeldet. Anna ordnete ihre Unterwäsche. Das Geschehen am Fernsehen verfolgte sie aus dem Badezimmer. Wie vieles sich mit blossem Ohr verstehen lässt, fuhr ihr durch den Kopf. Ihr Fernseher war über Jahre kaum genutzt in ihrem Haushalt gestanden. Seit einigen Wochen hatte sich dies geändert — und zwar radikal. Warum? Anna wagte es sich noch nicht einzugestehen.

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4

Anna liebte stille Musik, das Engadin, Ahornyoghurts, und Krimis. Manchmal sang sie, wenn sie vor dem Spiegel stand. Manchmal fiel ihr auf dabei, dass sie immer dieselbe Melodie summte. Dann hielt sie inne und fuhr sich über die Stirn. Ihren Beruf als Arztgehilfin hatte sie aufgegeben. Bloss zu dienen, genügte ihr nicht. Zur Not arbeitete sie seit zwei Monaten temporär bei «Läuchli, Kraft und Partner», einer Firma für Sicherheitstechnik. Sie bewohnte eine einfache Zweizimmerwohnung am Rande der Stadt. Kurz nach sechs schloss sie abends ihre Haustür auf. Dann eilte sie zum Fernseher, stützte den Kopf in ihre Hände. Jonas. Jonas. Jonas war der neue Kandidat von «Bigbibber».



5

Jonas. Sie hatte die Geschichte niemandem erzählt. War es überhaupt eine Geschichte? Von wann an fängt eine Geschichte an, eine Geschichte zu sein? Unsinn, sagte sich Anna. Ich sitze hier vor dem Fernseher. Ich fülle meine Freizeit. Was tu ich überhaupt? Ich kenne ihn nicht. Ich kenne ihn kaum. Jonas' Gesicht prangte gross auf dem Bildschirm. Er schlief. Seine Lippen zuckten leicht. 'Wach auf, Anna', sagte sich die junge Frau. Sie staunte, wie leicht ihr der eigene Name über die Lippen ging. Von wann an fängt eine Geschichte an, eine Geschichte zu sein? Eine Nacht, eine einzige Nacht hatte Anna mit Jonas verbracht. Knapp eine Woche später war Jonas von «BigBibber» aufgeboten worden — als Ersatzmann. Jonas. Ein Abenteuer? Ein Intermezzo? Eine Laune? Jonas schlief.

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6

Das Gerangel der Schweizer Privatsender war in vollem Gang. Ganze Heerscharen waren damit beschäftigt, die Zuschauerzahlen einzelner Sendegefässe miteinander zu vergleichen. Die Spirale um Intimität und Brutalität schraubte sich hoch und höher. «Fass Dir ein Herz! Entdecke Deinen Mut! Fünf Meter unter der Erde!» Mit diesem schlichten Slogan hatte der kleine Sender «High Vision» um Teilnehmer für «BigBibber» geworben. «BigBibber: Die Sendung, die alles in den Schatten stellt» löste eine wahre Sturmflut von Bewerbungen aus — und bescherte der Station schwindelerregende Quoten. Der Container, der sich an einem geheimen Ort unter Tag befand, war das Tagesgespräch in Bus, Cafés und an Mittagstischen. Allerdings blieb «Bigbibber» der einzige Erfolg von «HighVision.» Im Oktober 2003 ging der Sender Konkurs.

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7

Hauptmenu — Speicher — Norm — Frequenz... «Hier!» Annas Fernsehgerät stammte aus dem letzten Jahrhundert. Seit einer knappen Viertelstunde sass sie kniend davor, die Fernbedienung in beiden Händen. Ihre Bemühungen hatten ihr einige Überraschungen gebracht. So war sie auf einen asiatischen Sender gestossen, der einen Trickfilm mit Ausserirdischen zeigte; ein Landschaftsfilm aus der Arktis führte sie in gefrorene Weiten. Beim Interview mit Bundesrat Holliger fasste sie sich und widmete sich wieder ihrem ursprünglichen Anliegen. Kanalbezeichnung — Frequenz — Menutaste. Anna vollzog jeden Schritt mit einem kleinen Nicken. «So.» Es war vollbracht. Jonas war auf Kanal «eins» gespeichert.



8

Die Containerstory war mit dem Untergang von HighVision keineswegs geplatzt. Eine deutsche Station hatte mit der Konkursmasse die Rechte für sämtliche Sendungen übernommen. Seit dem 23.Oktober 2003 wurde, ohne dass die Insassen etwas davon merkten, «BigBigger» vom «Canale Grande» ausgestrahlt. Die neue Redaktion, welche in den Schweizer Büros Einsitz nahm, liess verlauten: «Die zwei verbleibenden Kandidaten werden jetzt erhöhten Strapazen ausgesetzt.» Soweit Anna erkennen konnte, blieb es bei der Ankündigung. Sie sass am Boden vor dem Fernseher. Jonas schlurfte zur Vorratskammer. Hinter der halboffenen Tür ertönte ein Fluch. Jonas kam mit einem Schachtelkäse zurück, drehte sich um die eigene Achse, holte ein Stück Pumpernickel und liess sich ins Sofa fallen. Anna schrieb in ein kleines Heft: «Er sieht krank aus.» Es war der 8.Dezember 2003.

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9

Die Aufträge von «Läuchli, Kraft und Partner» waren in den letzten Wochen in die Höhe geschnellt. Eine Einbruchserie verunsicherte Zürich; sichere Fenster waren gefragt. Anna stapelte Lieferscheine, als der Kollege wieder in der Tür erschien. Sie kam ihm zuvor: «Gestern habe ich geschaut!» Der Kollege grinste. «Jonas ist ein Bluffer», sagte er: «Stimmts?» Anna stutzte. Sie bemühte sie sich, ihre Verlegenheit zu verbergen. Wusste der Kollege... Er schaute sie herausfordernd an. «Du hast recht», sagte Anna, und dachte: Lästigen Männern muss man recht geben, dann schweigen sie. «Jonas wird noch sein blaues Wunder erleben» sagte der Kollege. «Ja, das könnte sein», sagte Anna. «Es schöns Tägli!», sagte der Kollege.



10

Jonas, der Unbekannte, hatte sich spät abends neben sie in die Strassenbahn gesetzt, auf einen Zipfel ihres Regenmantels. Jonas, der Unbekannte, entschuldigte sich. Anna lächelte. Jonas hatte offene, fröhliche Augen. Sie kamen ins Gespräch, redeten über den der Regen, die Weihnacht, den fehlende Schnee. Jonas erzählte, dass er Bäcker war, und mit seinem Chef zerstritten. Anna erzählte von «Läuchli, Kraft und Partner.» Ein Wort gab das andere, an der Endstation stiegen sie aus, und in der «Santana»-Bar sagte Anna irgendwann einmal: «Mir ist, als kenne ich Dich schon lange.» Irgendwann kam dann dieser Kuss, nein, er kam nicht plötzlich, er kam sachte, und Jonas entschuldigte sich. Eine Zufallsbekanntschaft? Jonas sagte, er sei schon bald bei «BigBibber», als Ersatzmann. «BigBibber»?, fragte Anna.

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11

«Ich hab den Fisch gefüttert», sagte Jonas. «Soso, der Fisch», sagte Rolf und blätterte im Notizblock. Das Aquarium hatte noch vor Monaten Gesprächsstoff für die damals zehn Bewohner geliefert. Ein Insasse hatte den munteren Tierchen einen Namen gegeben; sie wurden spasshaft von den anderen Insassen ebenso genannt. Die Zeiten waren vorbei. Das Spiel war längst vergessen. Vier der sechs Tierchen, längst namenlos, waren verendet. «Der Fisch hatte Hunger», sagte Jonas. «Soso», sagte Rolf. Es schien nicht, dass sich Rolf und Jonas sehr viel zu sagen hatten. Als Jonas Rolf einmal sehr freundlich «Gute Nacht» wünschte, war sich Anna ganz sicher: «In Wahrheit meint er mich.»



12

Jonas kam am 3.November als Ersatz für einen unglücklichen Mitbewohner ins Haus, einen Schreiner: Für diesen war nach einer unschönen Streiterei jede medizinische Betreuung zu spät gekommen. Den Abgang des 52-Jährigen begleitete die weltweit erste live-Übertragung eines Herzinfarktes. Für den jungen Mann war das Aufgebot eine halb freudige, halb ärgerliche Überraschung gewesen. Diesen Rolf hatte er nie gemocht. Auch als Zuschauer nicht. Dessen altväterische, mürrische Art ging ihm bereits nach wenigen Containerstunden auf den Wecker. «Was meinst Du, werden wir uns Bauchschmerzen bereiten?», war die Willkommensfrage von Rolf gewesen. Sein Blick war bittend dabei. Jonas wusste nicht mehr, was er ihm geantwortet hatte. In der Tat aber plagten ihn seit Tagen starke Bauchschmerzen. Lag es an seinen Hungerattacken, nachts?

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13

Wie in Trance war sie zu Hause angekommen. Hatte die Wohnungstür geschlossen und war in den Sessel gesunken. Die Pelerine zog sie nicht aus. In ihrer Hand hielt sie einen kleinen Zettel. «Wenn in dem grossen Fenster ein roter Punkt sichtbar ist...» Sie konnte es nicht glauben. Sie bedeckte ihr Gesicht mit einer Hand. Öffnete die Augen. Zwischen ihren Fingern sah sie Jonas Gesicht gross auf dem Bildschirm. Er sass am Küchentisch. Anna hielt den Atem an. Schüttelte den Kopf. Anna schloss die Augen. «Wenn in dem grossen Fenster ein roter Punkt sichtbar ist...» Anna nahm das Zettelchen zwischen beide Hände. Am oberen Rand des Zettelchens prangte ein kleines, blassrosa Pünktchen. «Sie sind schwanger, wenn in dem grossen Fenster ein roter Punkt sichtbar ist.»



14

Die Räume von «Bigbibber»beherbergten auf rund zweihundert Quadratmetern eine Dusche, eine Toilette, einen Schlafraum, sowie die grosse Wohnküche. Der Nahrungsvorrat war auf drei Monate hin berechnet und bestand im Wesentlichen aus Konserven: Vakuumiertes Trockenfleisch, Teigwaren, Schachtelkäse, Dörrfrüchte. Im Vorratsraum lagerte zudem verschiedenes Wurzel- und Knollengemüse. In den Container, der sich an einem geheimgehaltenen Ort befand, drangen weder das Tageslicht noch irgendwelche Geräusche. Der einst militärisch genutzte Raum war seinerzeit von einem «Highvision»-Redaktor entdeckt worden; wie ein Besessener hatte er das das Versteck gehütet. Er blieb bis heute der einzige, dem die genaue Örtlichkeit bekannt war.

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15

Die Schweizer Einsamkeitsstudie, die das dritte Mal erschien, zeitigte 2003 erstaunliche Resulate. Dreiundsechzig Prozent der Bevölkerung fühlten sich grundsätzlich alleine im Leben. Nur achzehn Prozent davon glauben, dass dies einmal besser werden könnte. Zweiunddreissig Prozent gaben zu, dass sie zuwenig gegen dieses Gefühl unternehmen. Anna blätterte in der Gratiszeitung. Ihre Augen glitten über Zahlen, über Inserate, dann über die eigene Hand. Gestern hatte sie ihrer Mutter ihre Schwangerschaft anvertraut. «Mama, ich hab das Gegenteil von Todesangst», hatte sie gesagt. Die Mutter lächelte besorgt. Nein, viel von Jonas mochte sie der Mutter nicht erzählen. Schon gar nicht, dass er täglich am Fernseher zu sehen war. Anna fuhr in der Strassenbahn zur Arbeit. Es regnete in Strömen.



16

Das Gähnen von Jonas verfolgte Rolf. Jonas verband damit immer einen kleinen Gesang, den er mit einem kehligen, anhebenden Ton abschloss. Es war ein ordinäres, selbstsüchtiges, ein widerliches Gähnen, wie Rolf befand. Rolf, Vater von zwei erwachsenen Töchtern, Deutschlehrer von Beruf, lebte seit 113 Tagen im Container. Er war gekündigt worden — und hatte sich kurz darauf bei «BigBibber» beworben — «aus einer kalten Verzweiflung heraus», wie er wenig später live lächelnd erklärte. Rolf liebte Texanerhemden und war hochgewachsen. Rolf war weder eine Frohnantur noch ein Schnelldenker. Dass er es bei «BigBibber» so weit gebracht hatte, verdankte er vor allem seiner Diskretion.

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17

Anna hätte ihren Schwangerschaftsurlaub am liebsten bereits im ersten Monat bezogen. Vielleicht hätte dies, überlegte sie, die Geschäftsleitung von «Läuchli, Kraft und Partner» ebenfalls begrüsst. Gestern hatte sie versehentlich wichtige Akten des Chefs zur Post gegeben; heute früh verstaute sie ihre frische Wäsche im Kühlschrank. Ein einziger Gedanke erfüllte, überstrahlte sie. Und da war auch diese schleichende Angst manchmal, die kam und ging und wieder kam. Ihr Leben hatte mit einem Schlag eine ganz andere Bedeutung bekommen. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Anna sass, die Augen geschlossen, vor dem ausgeschalteten Fernseher. Nein, heute mochte sie Jonas nicht sehen.



18

Am zehnten Tag, nachdem «Canale Grande» «Big Bibber» übernommen hatte, wartete der neue Redaktionsleiter mit einer Überraschung auf. Ein fröhlicher, ganz in blau gekleideter Mann richtete sich kurz vor Sendebeginn an das Publikum. «Verehrte Damen und Herren» sagt er, und winkte mit einem Goldbarren, «dieses gute Stück» - der Herr hob langsam Brauen —«können Sie leider nicht anfassen. Noch nicht!» Der Herr lächelte abermals: «Das kann sich aber sehr schnell ändern!» 'Bigbibber', erfuhren jetzt rund 800'000 Zuschauerinnen und Zuschauer, sei ab sofort um eine Option reicher. Den Goldbarren gewinne, wer den seit Anfang geheimgehaltenen Ort des Containers entdecken würde. Die genauen Angaben seien zu schicken an: Canale Grande, Postfach, 9490 Vaduz/FL. «Und jetzt: Auf geht’s zu Bigbibber! Viel Spass, Leute!»

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19

«Woran kritzelst du eigentlich die ganze Zeit?» — «Interessiert Dich das?» — «Es geht.» Jonas lag auf dem Sofa, Rolf schrieb am Küchentisch in sein Notizbuch. «Wir sollten mal wieder auswärts essen gehen», sagte Jonas. Rolf lächelte verächtlich. Seit einiger Zeit schrieb er alles in Grossbuchstaben. «MEIN DENKEN IST FLüCHTIG GEWORDEN», notierte er jetzt. Dann: «HÜRDENLAUF. POPCORN. ALTE LIEBE.» — «Sag mal — » Jonas stocherte in seinem Corned Beef — «warum bist Du eigentlich hier?» — «Ich hab meine Geschichte allen andern erzählt», sagte Rolf langsam, ohne Aufzusehen.



«Jonas ist geduldig», schrieb Anna in ihr Tagebuch.



20

Annas Fernbedienung stammte, wie gesagt, aus dem letzten Jahrhundert. Ob dies der Grund für die Fehlschaltung war? Auf Taste 1 war heute nicht mehr der Canale Grande, sondern ein ihr unbekannter Konkurrenzsender gespeichert. Damit nicht genug. «Der Skandal um Bigbibber zieht immer weitere Kreise» erklärte eine Nachrichtensprecherin soeben. «Der geheimgehaltene Ort des Containers scheint selbst dem Canale Grande nicht bekannt zu sein.» Anna — ihren Regenmantel hatte sie halb ausgezogen — blieb wie angewurzelt stehen. «Das darf nicht wahr sein», flüsterte sie und sank in die Knie, sagte lauter: «Darf das nicht wahr sein!» Unter Verrenkungen streifte sie den Regenmantel ab. Mit zitternden Fingern suchte sie «Bigbibber.»

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21

Nein, sie könne ihr nicht weiterhelfen. Nein, sie habe den Container mit verbundenen Augen betreten und genau so verlassen. Nein, sie habe kein Recht, darüber zu sprechen. Die ehemalige Bewohnerin, welche Anna über eine Illustrierte ausfindig gemacht hatte, hängte auf. Anna stützte ihren Kopf in beide Hände. Am Bildschirm dementierte der Redaktionsleiter von «Canale Grande» soeben die «gegen den Sender verbeiteten Gerüchte» als «sinnlos und perfid.» Eigenartigerweise gestand derselbe Herr aber ein, dass der Sendeort von «Bigbibber» mit technischen Mitteln nicht zu eruieren sei. Der versprochene Goldbarren sei weiterhin zu gewinnen. Dann wurde zum Container geschaltet. Anna durchfuhr es wie ein Blitz. Jonas, auf dem Bauch liegend, summte das Lied vor sich hin, das er beim Spaziergang nach ihrer Liebesnacht gesummt hatte. Wusste er, in welcher Lage er sich befand? Anna hatte Tränen in den Augen.

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22

Rolf schrieb neuerdings nicht mehr in seinen Notizblock, sondern auf die Platte des Küchentischs. Er hatte dauernd die Kopfhörer um. Entsetzt rechnete Anna nach, dass sich im Container nur noch wenig Konserven befinden konnten. Dass Jonas das Lied ihrer Erinnerung immer wieder sang, befremdete sie. Ihr Tagebuch war seit Tagen leer geblieben. Nach unzähligen mails und Telefonaten war das Unglaubliche aber zur Sicherheit geworden. Der «Highvision»-Redaktor, der als einziger den Standort des Containers kannte, hatte das Land nach seiner Kündigung verlassen — «in verwirrtem Zustand», wie seine frühere Freundin wortreich bedauerte. Anna verspürte keinen Hunger, keine Müdigkeit, keinen Schmerz. Sie wusste nur eines: Sie würde Jonas finden.



23

Ein Techniker bestätigte Anna: Glasfaser, Router und Satellit machten den Standort von «Bigbibber» unkenntlich. Ein zweiter ehemaliger Bewohner beteuerte glaubhaft: Der geheime Ort sei ihm nur von innen bekannt. Keiner einzigen Baufirma im Kanton war ein Auftrag bekannt, der mit «Bigbibber» in Verbindung hätte gebracht werden können. Und die Saisonniers, welche die Kameras im Bunker installiert hatten, waren seit Monaten verreist.

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Anna wusste: Das Preisgeld war verspielt, sobald sich Rolf oder Jonas an ihr Publikum wandten.



Nach drei Tagen ohne Schlaf wurde es ihr zuviel. Völlig entkräftet stand sie vor der Haustür ihrer Mutter. Als diese öffnete, warf Anna sich schluchzend um ihren Hals. Sie beschloss, in ihrem früheren Kinderzimmer zu übernachten. Für den Schlaf aber war sie zu müde. Sie setzte sich vor den Fernseher. Jonas summte wieder ihr Lied. Und Anna erstarrte. Und Anna raste in ihr Zimmer. Und Anna zog ihre Pelerine über, und bestellte überstürzt ein Taxi.



24

«Jonas! Jonas! Bist Du da?» Am Weg ihres Morgenspaziergangs befand sich tatsächlich die Tür eines Bunkers. «Jonas! Jonas! So antworte doch!» Nichts regte sich. Die moosbewachsene Betontür gab keinen Laut preis. Annas Kehle brannte. «Ich - bin - da!»



Jonas wusste, dass er mit seinem Zeichen das mögliche Preisgeld verspielt hatte. Würde Anna das Lied erkennen? Als er mit verbundenen Augen in den Container gestiegen war, hatte er genau denselben Duft eines Strauchs gerochen, der Anna und ihn an ihrem Spaziergang in Staunen versetzte. Der Container musste sich in dieser Gegend befinden.

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«Jonas! Jonas!» Anna schrie aus Leibeskräften. Die Beamten, die aus dem Polizeiauto stiegen, wollten Anna erst festnehmen. Anna hatte sich schnell erklärt. Minuten später traf die Feuerwehr ein.



«Jonas...» Der Befreite hielt sich die Hände vor die Augen. Das Licht der Feuerwehr blendete ihn. Anna zog ihn zu sich. Sein Atem ging schnell. Er brachte kein Wort über die Lippen.



Neun Monate später hielt Rolf ein Baby in den Armen. Das Kind hatte ihn mit Jonas versöhnt. Rolf war Pate des prächtigen Knaben geworden. «Soso», sagte Jonas und zwinkerte seinem einstigen Feind zu. Annas Augen leuchteten.



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