In meiner langjährigen Abnehmkarriere habe ich durchaus schon einige Diätklassiker versucht: Keine Kohlenhydrate! Friss die Hälfte! Nur Rohkost!... Ich weiss nicht ob es an der jeweiligen Methode oder meiner Umsetzung lag, jedenfalls wurden anfängliche Erfolge meist so schnell über Frustfressen und Heisshungerattacken wieder zunichte gemacht, dass ich wohl zu recht als Erfinder des Speed-Jojos gelten darf.

Auch Sport war oft eher eine gute Ausrede für allerlei leckere Dinge, die man eigentlich nicht essen sollte, sich aber wegen des anstehenden 10km-Laufs ausnahmsweise doch gönnen durfte. Mit reinem Gewissen frisst es sich halt besser. Nur leider läuft es sich mit vollem Magen eher doch schlecht und der 10km Lauf wird - mal wieder - auf das nächste Wochenende verschoben.

Gesunder Menschenverstand vs. evolutionä(h)re Zellen

Schlechte Essgewohnheiten, innerer Schweinehund - alles, was einen vom Abnehmen abhält, läuft im Kopf ab. Ernährungsexperte David Fäh erklärt es in seinem Buch «Stressfrei abnehmen» etwas genauer: Der Körper hat sich auf sein Übergewicht eingestellt und will dieses möglichst halten, weil er evolutionsbedingt eher mehr als weniger auf den Rippen haben möchte (denn: Die nächste Eiszeit kommt bestimmt!). Also senden die panischen Fettzellen permanent die dringende Botschaft ans Gehirn, dass wir das mit dem Abnehmen mal schön bleiben lassen sollen. Und schon wächst der Schweinehund wieder - genauso wie die Lust auf die nächste Pizza/Pasta/Pommes.

Doch statt dem Speck durch Hungern oder bizarre Ernährungsrituale an den Kragen zu wollen, empfiehlt Fäh, einfach «normal» zu essen. Normal heisst in diesem Fall: gesund, aber eben auch lecker und vor allem sättigend. Welche Nahrungsmittel dazu mehr oder weniger geeignet sind, zeigt die Nahrungsmittelpyramide bzw. die allseits bekannten Grundregeln gesunder Ernährung: Vollkorn statt Weissmehl, Wasser statt Säfte statt Alkohol, Obst statt Süssigkeiten, Gemüse statt Pasta, Fisch statt Fleisch etc.

Allerdings würde das Buch wohl nicht «Stressfrei abnehmen» heissen, wenn David Fäh nicht wüsste, dass man sich hin und wieder auch mal etwas Ungesundes erlauben muss. Ein solcher «cheat day» ist in der Tat sehr praktisch, wenn man irgendwo eingeladen ist oder mit Freunden essen geht und nicht gleich als kalorienzählende Spassbremse gedisst werden will.

Selbst isst der Mann

So weit, so easy! Das Problem ist nur, dass diese hinterlistigen Fettzellen im Kampf gegen meine Abnehmbemühungen einflussreiche Verbündete haben: die böse Lebensmittelindustrie natürlich, mit ihren überzuckerten, versalzenen, konservierungsoptimierten und mit gehärteten Fetten schmackhaft gemachten Produkten. Aber auch ein ganz auf «convenience» ausgelegtes Umfeld mit Aufzügen, Rolltreppen, Trams und kurzen Wegen zur nächsten Kantine macht zumindest mir das Leben einfach und das Abnehmen schwer.

Wahrscheinlich hilft es am ehesten, wenn man diese täglichen Attacken aufs Wohlfühlgewicht als sportliche Herausforderung wahrnimmt: Treppe statt Aufzug = 1 Punkt, Fahrrad statt Tram = 3 Punkte, selber kochen statt Fertiggerichte kaufen = 10 Punkte. Und gegen mein nachmittägliches Blutzuckertief hilft überraschend gut, Obst in greifbarer Nähe zu haben. Da mutieren langweilige Apfelscheiben plötzlich zum begehrten «amuse gueule». Twix, Mars & Co. die alte Freundschaft zu kündigen, zahlt sich langfristig garantiert aus. Nicht nur um die Hüfte herum, sondern auch fürs Portemonnaie.

Nachschlag

«Wasser! Jede Menge Wasser!» rufen mir die Kollegen entgegen - und haben ausnahmsweise mal Recht: Gesund essen ist das eine, aber man sollte auch viel trinken, möglichst Wasser oder Tee. Oder Kaffee. Hauptsache, das Getränk ist ungesüsst.

Aber apropos Kollegen: Vergessen Sie das mit dem Kopf und den Fettzellen. Kollegen sind wohl das allergrösste Hindernis beim Abnehmen. Immer wollen sie in der Mittagspause in die Pizzeria, in die Glutamatkantine oder als Nachtisch noch schnell ein Eis essen gehen. Besonders moralzersetzend: Süsse Mitbringsel aus dem Urlaub sowie die Sirenengesänge der Kollegin, die nur schnell «was Süsses vom Automaten» holen will. Nein, wenn Sie richtig abnehmen wollen, sollten Sie von zu Hause aus arbeiten, weit weg vom schlechten Einfluss der dürren Praktikanten, disziplinlosen Mitarbeiter und charakterschwachen Vorgesetzten...