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Ernährung«Besser als Kantinenfrass»

Die Pulvernahrung Soylent soll die herkömmliche Ernährung revolutionieren. En Guete.

«Das Essen der Zukunft»: Soylent-Fan Enrico Martina. (Foto: Matthias Willi)
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Enrico Martina greift sich den Beutel mit dem grobkörnigen Pulver und stellt ihn sachte auf die Waage. Als er für die Kamera posiert, fängt er plötzlich laut zu lachen an: «Ich muss aussehen wie ein Drogendealer», sagt er. Tatsächlich: Der Biologe ist umgeben von weissem Pulver, blauen Beuteln und Flaschen voller Pillen. Vor ihm steht eine Waage, die auch Milligramm misst. Enrico Martina panscht in seiner Küche aber weder Crystal Meth noch LSD – er versucht bloss, sich gesund zu ernähren.

Seit einem halben Jahr mischt der Basler sein Essen aus Proteinen, Kohlenhydraten, Vitaminen und Mineralien in Pulverform. Mit Öl und Wasser verquirlt, ergeben die Zutaten eine dickflüssige, beige Brühe, die streng nach Hafer riecht. «Das Essen der Zukunft», sagt Enrico Martina und schenkt ein Glas ein. Der erste Schluck schmeckt widerlich. Körnig, teigig, ein wenig bitter. Der zweite Schluck ist ein wenig besser, der dritte Schluck schon fast an­genehm. Martina lächelt. «Gar nicht so schlimm, oder?»

«Alles, was der Körper braucht»

Seine Flüssignahrung ist keine eigene Erfindung. Martina personalisierte ein Rezept, das im Internet zur Sensation wurde: Soylent heisst der Nahrungsersatz. Er wurde im Dezember 2012 von Rob Rhinehart entworfen, einem 26-jährigen Unternehmer aus San Francisco. Der Grund? Einkaufen und Essen waren ihm «eine Last», wie er dem Magazin «New Yorker» sagte. In einem Anflug von Erfindungswahn griff der Mann zu Vitaminen und Ballaststoffen in Pulverform, Fetten und Proteinen – «alles, was der Körper zum Leben braucht» –, fügte Wasser bei und warf den Mixer an.

Einen Monat lang schluckte Rhinehart bloss Brei. Sein Blogeintrag «Wie ich aufhörte zu essen» fegte wie ein Wirbelwind durchs Internet, die Reaktionen reichten von Bewunderung bis zu Ekel. Rhinehart stellte das Rezept online.

Es ist dieses Rezept, das Enrico Martina abgewandelt hat. Hafer und Soja bilden die Basis des Getränks, Martina fügt aber 24 weitere Zutaten wie beispielsweise Maltodextrin, Kokosnussmehl, Kakao, Kalziumzitrat, Cholinbitartrat, Matcha-Pulver, Xanthan hinzu. «Beim Cholinbitartrat muss man aufpassen», sagt er. Er reicht den Beutel hinüber. Das Pulver muffelt nach faulem Fisch. 300 Milligramm soll der Mensch am Tag davon zu sich nehmen; Martina schluckt zwei Gramm des Stoffs, der zur Vitamin-B-Familie gehört. «Isst man mehr als zehn Gramm, stinkt die Haut nach Fisch.» Die Pulver kauft er in Deutschland oder im Internet, rund vier Franken kostet seine Ernährung täglich.

Martinas Rezept ist eines von vielen. Obwohl man Soylent-Pulver mittlerweile direkt bei Rhineharts Startup-Firma kaufen kann, ziehen etliche Nutzer eigene Varianten vor. Die Webseite Diy.soylent.me führt über 2500 Rezepte – sieben von Schweizer Tüftlern, es gibt aber auch welche aus Jemen, Namibia oder Kolumbien. Die Rezepte mit Namen wie Monster Mix, Hippie Juice oder Liquid Cake werden rege kommentiert: Welche Zutaten sorgen für Blähungen? Allgemein ein grosses Problem bei Soylent. Ist Olivenöl Rapsöl vorzuziehen? Ab welcher Menge ist Vitamin B6 gefährlich?

Die Anhänger tauschen sich auch darüber aus, wie der erdige Geschmack von Soylent übertüncht werden kann – Vanille, Kakaopulver und Bananen sind beliebt. Die Diskussionen zeigen: Die Trinker von Soylent nehmen ihr Rezept sehr ernst. Und sie sind sich der Schäden bewusst, die sie ihrem Körper mit falsch dosierten Stoffen zufügen könnten.

Aufs Milligramm genau berechnet

Im Schatten eines Sonnenschirms vor einem Café in Baden sitzt Arthur Moser – Ingenieur und Soylent-Trinker. Er ernährt sich seit drei Monaten grösstenteils von der Flüssignahrung: «Weil ich nicht mehr das eklige Essen in unserer Kantine hinunterwürgen will.» Er kramt seinen Laptop aus dem Rucksack, klickt auf eine Excel-Tabelle. Darauf hat der 25-Jährige aufs Milligramm genau aufgelistet, welche Nährstoffe er pro Tag braucht – und wie viel er durch sein Rezept abdeckt. «Ich musste rund 40 Stunden recherchieren, bis ich genug über die Ernährung wusste», sagt er.

Diese Zeit sei aber gut investiert: «Wenn man ohne Ahnung irgendwelche Zutaten vermengt, kann man sich vergiften.» Zu Beginn hat Moser einen Berechnungs­fehler gemacht und zu viel Zink in sein ­Soylent gemischt; nach zwei Tagen Bauchschmerzen bemerkte er den Fehler und korrigierte ihn.

«Wir brauchen Lipide und Aminosäuren, nicht die Milch selber. Wir brauchen Kohlenhydrate, nicht Brot.» Rob Rhinehart, 26, Soylent-Erfinder. (Foto: Heidi Schumann/NYT/Redux/Laif)

Soylent als Superfood aus dem Hahn

Trotz Blähungen oder der Gefahr, versehentlich zu viel von diesem oder jenem abzuwägen, sind Arthur Moser und Enrico Martina fasziniert von den Möglichkeiten der Flüssignahrung. Im Zeitalter der Mässigung, der Diäten, der vollwertigen Ernährung preisen sie Soylent als Superfood: Essen, das die Zeitverschwendung durch Kochen und Kauen minimiert und trotzdem gesund und billig ist. «Und man kann ohne Probleme alle Allergien berücksichtigen», sagt Martina.

Weit weg von Schlaraffenland-Utopien ist für ihn Essen auch etwas Funktionales – eine Zufuhr lebenserhaltender Bausteine, die den Körper optimal versorgen. Benzin für die Zellen, ohne unnötigen Ballast, ohne zusätzlichen Aufwand. Wie Rob Rhinehart sagt: «Wir brauchen Aminosäuren und Lipide, nicht die Milch selber. Wir brauchen Kohlenhydrate, nicht Brot.»

Flüssignahrung per se ist nichts Neues. Astronauten saugten das Essen aus Beuteln, in Spitälern werden Menschen im Koma über einen Schlauch ernährt, und Diätwillige öffnen wochenlang Milchshakes zum Abnehmen. Im Unterschied zu solch vorübergehenden Phänomenen feiern die Anhänger Soylent jedoch als grundsätz­liche Wende – eine kulinarische Askese, der Gesundheit und der Bequemlichkeit zuliebe. Und Erfinder Rob Rhinehart ist überzeugt, dass seine Esskultur in der Zukunft ihren Platz haben wird.

In Interviews träumt der Kalifornier von einem Soylent-Wasserhahn im Haushalt, einem Soylent-Kühler im Büro neben der Kaffeemaschine, einem Soylent-Automaten auf dem Bahnhofperron. «Man könnte einfach Grösse, Alter und Geschlecht in die Maschine eintippen und würde eine perfekt abgestimmte Mahlzeit erhalten.» Rhinehart sieht sich nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Wohltäter. In ­einer Welt, die im Jahr 2100 über zehn Milliarden Einwohner haben soll, könne Soylent den Hunger lindern. Passend ist da der Name: Inspiriert ist er laut Rhinehart vom Science-Fiction-Film «Make Room! Make Room!». Darin wird Soylent im Zeitalter der Überbevölkerung aus Soja und Linsen hergestellt und den Massen verfüttert. Für viele klingt aber auch der Film «Soylent Green» an, in dem Menschen dank dem Verzehr ihresgleichen überleben.

Die Darmmuskulatur könnte verkümmern

Wie gesund kann Ernährung aus dem Chemielabor überhaupt sein? «Abgesehen davon, dass eine solche Nahrung eine Beleidigung unserer Sinne ist, sind die meisten essenziellen Inhaltsstoffe vermutlich vorhanden», sagt Ernährungsberaterin Marion Wäfler von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE). «Technisch ist es möglich, sich mit Soylent zu ernähren.» Flüssignahrung berge jedoch, über längere Zeit eingenommen, andere Probleme: Die Darmmuskulatur könne sich zurückbilden. Wenn plötzlich wieder normale Nahrung in den Darm gelangt, führt das möglicherweise zu Verstopfungen oder Blähungen. Wäfler kritisiert auch, dass im Rezept die sekundären Pflanzenstoffe ausgeklammert werden – bioaktive Helfer wie Beta-Carotin, die Obst und Gemüse zu ihrem eigenen Schutz bilden und Menschen vor Erkrankungen schützen können. «Man weiss noch nicht sehr viel über diese Pflanzenstoffe», sagt Wäfler. «Aber sicher ist, dass sie gut für uns sind. Was passiert, wenn wir über längere Zeit ohne diese Stoffe sind, ist nicht abzuschätzen.»

Mit der Kritik der Ernährungswissenschaftler sind die Soylent-Trinker nicht einverstanden. Er versorge seinen Körper mit allen bekannten Nährstoffen, die wichtig seien, sagt Enrico Martina. «Warum sollte die Ernährung schlechter sein, nur weil das Essen in Pulverform zusammengemischt wurde? Ist eine Bratwurst oder ein Teller Teigwaren wirklich gesünder?»

In den Augen von Rob Rhinehart ist ­Soylent gar der nächste Schritt in der Evolution zum modernen Menschen: Technik mache die Natur überflüssig. So wie das Auto das Pferd abgelöst hat, soll Soylent die herkömmliche Nahrung ersetzen.

«Freudlos, langweilig, deprimierend»

Die grösste Schwelle, die sein Pulver überwinden muss, ist der emotionale Widerstand gegen Flüssignahrung. Journalisten, die Soylent testeten, beschreiben das Essen als freudlos, langweilig, deprimierend. Enrico Martina berichtet von Unverständnis, gar Ekel, wenn er seinen Kollegen von Soylent erzählt. Zu positiv sei Essen in den Köpfen der Menschen verankert: als Trost, als Genuss, als Auszeit, als Geselligkeit.

Trotz allen radikalen Ideen beabsichtigt die Soylent-Gemeinde deshalb nicht, das Ende des Essens auszurufen. Rob Rhinehart unterscheidet etwa zwischen reiner Nahrungsaufnahme und Essen zum Genuss, zwischen der Take-Away-Pizza und dem Sonntagsbraten mit der Familie.

In Enrico Martinas Kühlschrank finden sich neben Soylent-Pulver auch Käse, Rüebli und ein üppiger Schokoladekuchen. «Am Abend esse ich normal», sagt er. Mit seiner Freundin koche er Pasta oder bereite einen Auflauf zu, geniesse das Kauen, den Geschmack, das Gefühl im Mund. «Ich würde nie solche Mahlzeiten mit Soylent ersetzen», sagt er. «Aber gerne das grausige Essen in der Kantine, die Sandwiches, die man sich unterwegs schnappt, oder die fettigen Gipfeli am Morgen.»

Veröffentlicht am 11. November 2014