«Klickt auf die Treppe!», rät die zehnjährige Johanna ihren beiden jüngeren Geschwistern vor dem Computer. Ein guter Tipp: Die Kleinen erhalten fünf Punkte und den Hinweis, dass Treppensteigen zwar mühsam, aber gesund ist. «Jede Treppe, die du steigst, verlängert dein Leben um eine Sekunde», steht im Hinweisbalken. Johanna, Lena und Dimitri lesen aufmerksam und staunen. Die drei Kinder klicken sich durch den virtuellen Tagesablauf eines Schülers.

Im neuen Online-Spiel der Schtifti, der Stiftung für soziale Jugendprojekte, lernen Kinder und Jugendliche spielerisch, Verantwortung zu übernehmen. «Dabei sollen die Kinder auch Fehler machen können», sagt Schtifti-Geschäftsleiter Roger Grolimund – «das fördert den Lerneffekt».

Was soll es zum Zmorge geben? Lasse ich mich von den Eltern zur Schule fahren oder nehme ich lieber das Fahrrad? Was mache ich in der Pause? Felix und Maurice, zwei elfjährige Schüler, haben den Sinn des Spiels schnell erkannt. Bereits beim ersten Durchgang merken sie, dass ein Klick auf den Gemüseteller Punkte gibt, die Wahl der Fertigpizza hingegen Abzüge bringt. Von nun an entscheiden sich die beiden für das gesündere Angebot.

30 Prozent sind übergewichtig



Selbst wenn die Kinder auswendig lernen, welche Mahlzeit oder welche Aktivität mehr Punkte gibt, registrieren sie die Botschaft. Laut Eberhard Scheuer, dem Leiter der Geschäftsstelle eHealth am Universitätsspital Zürich, reicht der Aha-Effekt, um das Interesse zu wecken.

Weshalb gerade ein Computer-Game, wenn Kinder doch animiert werden sollen, in der Natur zu spielen und sich zu bewegen? «Dieser Widerspruch ist uns bewusst, daher dauert das Spiel in der Regel nicht länger als eine Viertelstunde», sagt Roger Grolimund. «Wir können die Kinder aber dort ansprechen, wo sie sich eh tummeln – im Internet.»

Laut dem Bundesamt für Gesundheit sind in der Schweiz knapp 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, und sieben Prozent leiden sogar unter Fettleibigkeit (Adipositas). Die Wahrscheinlichkeit, dass die Betroffenen auch im Erwachsenenalter zu viele Kilos auf die Waage bringen, liegt gemäss einer Studie der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie bei 20 bis 50 Prozent.

Adipositas im Kindesalter birgt gesundheitliche Risiken und bedeutet oft Begleiterkrankungen im Erwachsenenalter: Die möglichen Folgen seien «ein geschwächtes Muskel-Skelett-System, Herz-Kreislauf-Beschwerden und sogar Altersdiabetes», sagt Arzt Eberhard Scheuer. Bedenklich seien nicht bloss die gesundheitlichen Auswirkungen, sondern auch die psychischen: «Mit zunehmendem Gewicht nimmt das Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen ab.»

Eltern könnten hier Einfluss nehmen, doch häufig gehen sie mit schlechtem Beispiel voran: Sie ernähren sich ungesund und entspannen sich häufig vor dem Fernseher, statt mit den Kindern im Wald zu laufen oder im Garten zu spielen. Die Folge: Die Kids beherrschen heute nur noch fünf bis zehn Spiele im Freien – vor 30 Jahren waren es noch über 100.

Ernährungskurs und Breakdance



Initiativen ohne erhobenen Zeigefinger sind daher wichtig. Ein Beispiel aus der Praxis ist das Schtifti-Projekt «Freestyle Tour»: Mitarbeiter besuchen Schulhäuser in der Deutsch- und in der Westschweiz, geben Ernährungskurse und unterrichten Breakdance, Footbag und Skateboard. Grolimund: «Dank solch trendigen Sportarten erhöht sich der soziale Status der Kinder und Jugendlichen, und sie erhalten ein stärkeres Selbstwertgefühl.»

Selbstsicher wünschen sich Felix und Maurice nach dem Spiel keine Cola, sondern einen Multivitamindrink. Und auch bei Johanna, Lena und Dimitri hat es einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Sie stiegen die Treppen hoch und zählten freudig die Sekunden, die ihr Leben verlängern.

Internet

Quelle: Archiv