Ich habs getan. Ich hab einen Cappuccino bestellt. Wie alle anderen in der gleichnamigem Bar auch. Ich bin mir dabei vorgekommen wie eine Verräterin. Beinahe hätte ich die Bestellung geflüstert. Aber keiner drehte den Kopf, niemand sagte: «Das ist im Fall Kuhmilch.» Keiner wollte wissen, warum ich das tue. Willkommen zurück in der Welt der «Normalen».

So ein Cappuccino, das sag ich Ihnen, der riecht schon nach einer Woche Abstinenz irgendwie nach Stall und er bleibt im Magen liegen wie ein Stein. Gleichzeitig umweht ihn der Duft der Freiheit. Einfach aus dem Haus gehen, ohne vorher abzuchecken, wo man was zu essen kriegt. Etwas bestellen, ohne zuerst fragen zu müssen, was denn da drin ist. Selber entscheiden zu können, mit wem ich darüber rede, was ich esse und was nicht. Das hat was.

Das vergisst man so schnell nicht wieder

Aber es ist nichts mehr wie vorher. Ich erkenne sie jetzt, die Tricks der Lebensmittelindustrie. Ich falle nicht mehr darauf rein, wenn mir der Schwingerkönig weismachen will, das Fleisch im «Lidl» stamme von glücklichen Rindern. Ich weiss jetzt, dass Bäcker unser Brot mit Schweineborsten aufmotzen und dass man Bier und Wein mit dem Inhalt von Schwimmblasen von Fischen klärt. Ich finde die Gelatine im Apfelsaft und das Eipulver der geplagten Tiere. Aus Bodenhaltung heisst das schönfärberisch. Die Tiere dürfen in Herden von bis zu 18'000 Tieren in geschlossenen Räumen gehalten werden. Auslauf ist keine Pflicht. Solche Produkte, das weiss ich jetzt, schaffen es bis in die vegetarische «Karma!»linie von Coop. Das alles vergisst man so schnell nicht wieder. Ich lese jetzt, bevor ich kaufe und der Bioladen wird meine zweite Heimat bleiben. Zur Hardcore-Veganerin wird es mir dennoch nicht gereichen. Weil hardcore bin ich nirgends, es liegt mir nicht.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Woche aber, die möchte ich zum Schluss mit Ihnen teilen. Ich weiss jetzt, warum Veganerinnen und Veganer so viele Menschen nerven. Auch dann, wenn sie nichts anderes tun, als Soyamilch zu bestellen. «Das Problem mit den Veganern ist», brachte ein Redaktionskollege die Geschichte auf den Punkt, «dass wir tief drinnen alle wissen, dass sie in vielem Recht haben.»

Tanja Polli nach ihrem Selbstversuch als Veganerin: «Ich lese jetzt, bevor ich kaufe und der Bioladen wird meine zweite Heimat bleiben.»

Quelle: Tanja Polli

PS. Das Steinsalz riecht ein bisschen wie die alten Schwarzweiss-Fotoautomaten. Schwefelig. Und wer glaubt, vegan lebende Menschen seien lustfeindlich, der sollte sich einmal von Cristina Roduner, Medienbeauftragte der veganen Gesellschaft Schweiz auf eine vegane Shoppingtour begleiten lassen. Oreos, saure Schlangen, Gummidrops, Prussiens – alles vegan. Da werd ich dann zum flexitarischen Gesundheitsapostel ;-)