Ernestine war nicht bloss klein gewachsen, sie war winzig. Trotzdem war sie nicht zu übersehen. Schliesslich trug sie immer handgearbeitete und kunterbunt eingefärbte Kleider grosser Couturiers und stolzierte auf staunenswert hohen Absätzen durch die Welt. Ausserdem sprach sie ein pointiert vornehmes Baseldeutsch. Sie gehörte nämlich mit ihrer Familie zu jenen «happy few», die wegen ihrer Herkunft oder des besonderen Reichtums zum so genannten «Basler Daigg» zählten.

So wie Ernestine ihr «Baselditsch» pflegte, blieb sie auch ihren Marotten treu. Obwohl sie auch noch im vorgerückten Alter mit ihrem alten Vater in einem prächtigen Stadthaus zusammenlebte, hatte sie seit vielen Jahren eine Beziehung zu einem jüngeren Mann, der nicht zu ihrer Gesellschaftsschicht gehörte. Die Stadt hatte ein Thema, und Ernestine freute sich daran.

Klar, dass sie nicht einfach Kunst sammelte, wie dies einer Tochter aus wohlhabendem Haus entsprochen hätte. Sie sammelte Partituren moderner Kompositionen. Sie spielte Cembalo und Klavier und liess sich für die beiden Instrumente Musik quasi auf den Leib schreiben.

Dass ich Ernestine kennen lernte, war Zufall. Ich wartete in der Lobby eines grossen Zürcher Hotels auf Freunde, als eine laute Auseinandersetzung meine Aufmerksamkeit erregte. Vor dem soignierten Direktor des Hauses hüpfte eine ältere kleine Dame aufgeregt auf und ab. «Den Duke», zeterte sie in den höchsten Tönen, «sperrt man nicht einfach in eine Kammer! So ein Mensch gehört in das schönste Appartement Ihres Hauses, und es muss unbedingt ein Flügel darin stehen!» Ernestine hatte ihren alten Freund Duke Ellington besuchen wollen, der in Zürich ein Konzert gab und in diesem Hotel abgestiegen war. Die Baslerin hatte den nach ihren Worten «grössten Musiker des 20. Jahrhunderts»

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in einem Einzelzimmer vorgefunden. Nun galt es, Mr. Ellington mit weit grösseren Gemächern und einem geeigneten Instrument zu versorgen.

Diese Szene hatte für mich etwas Belustigendes. Die mir unbekannte Frau wirkte mit ihrem Hüpfen und Keifen wie ein Pekinese, der um den überforderten Hoteldirektor herumtanzte. Schliesslich aber hatte Ernestine erreicht, was sie wollte, und wandte sich ab. Wutschnaubend stampfte sie an mir vorbei. Ich muss sie ziemlich entgeistert angesehen haben, denn als sie meinem Blick begegnete, hielt sie inne. «Ich weiss», sagte sie überaus ruhig und achselzuckend, «wenn ich wütend bin, sehe ich aus wie ein Pekinese.» Wir brachen in schallendes Gelächter aus und stellten uns gegenseitig vor. Dies war der Beginn einer langen Freundschaft.

Wenn ich sie in Basel besuchte, klingelte ich an der grossen Pforte ihres Elternhauses in der Nähe des Kunstmuseums und wurde durch die düstere Halle ins grosse Treppenhaus geführt. Trat man aber durch die Tür ihrer Wohnung im Dachgeschoss, so änderte sich die bedrückende Ambiance des Hauses schlagartig. Ernestines Wohnung war hell, kühl und modern eingerichtet. An den Wänden hingen die gerahmten Partituren. Nur kochen konnte oder wollte sie nie. Aber zu geniessen verstand sie doppelt. Bei Ferien in Sardinien hatte sie das «Ananaskompott mit Ingwerinfusion» entdeckt. Das Rezept dazu hatte sie in ihren Haushalt mitgebracht. Wer reich ist, hat immer dienstbare Geister, die gut kochen können.

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Alles schien Ernestine siegreich zu bestehen. Sie verstand es, in noch so trüben Situationen eine lustige Geschichte zu finden, die sie dann mit viel Selbstironie erzählen konnte. Als sie aber ihre langjährige Liebe verlor, stürzte sie in eine Depression. «Was soll ich machen?», sagte sie oft. «Er war nicht nur mein Mann, er war auch das, was ich nie hatte: mein Kind!»

Kurze Zeit später starb sie. Zwei Tage nach dem Begräbnis erreichte mich noch ein letzter Brief von Ernestine. Er endete mit dem Satz: «Meinst du, dass eine so alte Schachtel, wie ich es bin, noch kochen lernen könnte?»

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