Empfang bei der Bundeskanzlerin im Bundeshaus West. Der Portier begrüsst uns mit der sprichwörtlichen Berner Gemütlichkeit. Woher man komme, möchte er wissen, und ob es in Zürich auch so heiss sei. Dann übernimmt die persönliche Mitarbeiterin, sondiert kurz, ob Frau Bundeskanzlerin frei ist, und bittet uns herein.

Annemarie Huber-Hotz’ Büro ist weder gross noch protzig. Hier riechts nicht nach Macht. Man käme nie auf die Idee, dass man es mit der Stabschefin der Regierung zu tun hat, die mit den sieben Bundesräten per du ist, für sie Traktanden schreibt, Termine ordnet, Themen koordiniert und zudem einen Stab von rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führt.

Huber-Hotz ist die erste Frau im schweizerischen Bundeskanzleramt, das dieses Jahr das 200. Jubiläum feiert, und sie ist offenbar nicht gewillt, die Wichtigkeit ihrer Funktion zu demonstrieren. So lassen wir die wartende Limousine links stehen und fahren mit ihrem Privatauto zu ihrem Haus im Berner Sandrainquartier.

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Sie werde ein Menü kochen, das sie von einer ehemaligen Freundin ihres Bruders, einer Chinesin, gelernt habe, erklärt sie. Asiatische Küche sei bei Hubers an der Tagesordnung, ausserdem werde sie es nutzen, dass zurzeit niemand von der Familie zu Hause sei: «Endlich kann ich wieder einmal ein Dessert machen. Ausser mir liebt bei uns nämlich niemand Süsses.»

Die Rollenverteilung bei Hubers ist von jeher untypisch: Der Mann kümmerte sich um Haushalt und Kinder, die Frau ging ihrem Beruf nach. Abends übernahm dann die Bundeskanzlerin den Kinderhütedienst, was ihr ermöglichte, nach langen Bürotagen in eine andere Welt einzutauchen. «Wenn unser Adoptivsohn aus Brasilien mich mit grossen Augen anschaute und sagte: ‹Du bist das beste Mami der Welt›, war alles andere vergessen.»

Annemarie Huber-Hotz denkt an ihre Kindheit im familieneigenen Müllereibetrieb zurück. «Wenn es in der Mühle viel zu tun gab, mussten wir alle anpacken. So habe ich gelernt, dass das Essen etwas ist, was man mit den Händen erarbeitet, mit Respekt behandelt und nicht verschwendet.» Wenn ihre eigenen Kinder im Restaurant eine grosse Portion Pommes frites haben wollten, habe sie für sich nichts bestellt, um dann ein Exempel zu statuieren: «Ich sammelte am Schluss die Resten ein und sagte: ‹Jetzt bin ich dran mit Essen.›»

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Wir sind in der grossen Küche der ehemaligen Fabrikantenvilla, einem Ort, der früher den Angestellten vorbehalten war. Heute kümmert sich die Gastgeberin persönlich um das Wohl der Gäste und lässt sich dabei gern in die Töpfe schauen.

Annemarie Huber-Hotz strahlt durch ihre ruhige, freundliche Art Seriosität und Vertrauen aus. Schwierig, sich einen Menschen, der so kontrolliert wirkt, in einer Krisensituation vorzustellen. Flippt sie auch mal aus? Wird sie laut? «Ausflippen schon», sagt sie, «aber laut werde ich nicht. Ich werfe mich dann in die Hausarbeit, am liebsten gleich in der Waschküche, damit beim Wutanfall wenigstens was rausschaut.» Im Berufsleben bleiben solche Anfälle offenbar ganz aus. Zehn Jahre arbeite sie schon mit Huber-Hotz zusammen, sagt eine Mitarbeiterin, nie habe sie ihre Chefin wütend erlebt. Nicht in Hochform, das komme schon mal vor. Dann sei die Bundeskanzlerin noch ruhiger als sonst.

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Im Unterschied zu Deutschland, wo der Bundeskanzler das Amt des Regierungschefs bekleidet, ist die Schweizer Bundeskanzlerin in einer Stabsstelle tätig und steht nicht im Schaufenster wie die Bundesräte. Was motiviert Annemarie Huber-Hotz, diesen wenig spektakulären Job zu tun? «Ich kann das politische Geschehen hautnah mitverfolgen und überblicke alle Departemente und ihre Politik. Ausserdem kann ich bei den Bundesratssitzungen mit einer beratenden Stimme mitwirken.»

Im Jubiläumsjahr macht sich die Bundeskanzlei jedoch vermehrt bei der Bevölkerung bemerkbar, mit dem Ziel, die Abläufe im Regierungsalltag greifbarer und verständlicher zu machen. Zudem will man künftig die Möglichkeit anbieten, übers Internet abzustimmen und Amtsgeschäfte elektronisch abzuwickeln.

Wir setzen uns zum Essen in den Schatten der mächtigen, über 100-jährigen Buche. Das Anwesen liegt mitten in der Stadt, einen Steinwurf von der Aare entfernt, in Sichtweite des Bundeshauses. Huber-Hotz schätzt den Garten sehr, auch wenn sie nicht behauptet, einen grünen Daumen zu haben. «Ich bin zu wenig motiviert, die lateinischen Namen aller Blumen zu lernen», gesteht sie. Aber sie pflegt gern ihre Rosen und unterhält einen grossen Kräutergarten. Früher habe sie sogar Konfitüre und Kompott selber gemacht, denn die ehemaligen Besitzer hätten entsprechendes Werkzeug und Gläser zurückgelassen.

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Als Kind der Nachkriegsgeneration hat Huber-Hotz schlechtere Zeiten in Erinnerung. Dass weder Estrich noch Keller je geräumt wurden, hänge damit zusammen, dass sie ungern etwas wegwerfe, sagt sie. Denn sie ist sicher: «Der Wohlstand, den wir in den letzten 50 Jahren stetig steigern konnten, ist nicht garantiert.»