«Trudi, das sieht aus wie eine Ente!» Daniel, 14, hält eine skurril verwachsene Kartoffel in der Hand. Er hat sie nicht nur soeben aus der Erde gebuddelt, sondern Anfang Mai auch selber gesetzt.

Heute ist Erntetag im Bauerngarten von Trudi Weber aus Utzenstorf BE. Vier Schüler aus der Realklasse sind vor dem Hauswirtschaftsunterricht in der grossen Pause zum nahen Bauernhof geradelt, um Gemüse zu ernten, das nachher in Pfanne und Backofen landet. Die Bäuerin ist so etwas wie die Projektleiterin dieses Fleckens Erde. Sie plant, was gesät wird, zeigt den Jugendlichen, wie man Setzlinge pflanzt, kontrolliert das Beet, hält Ausschau nach Schädlingen, giesst an heissen Tagen.

Trudi Webers Garten war 2008 der erste in einer Reihe von vielen, die dereinst im Rahmen des Projekts «Bauerngarten» in der Schweiz eingerichtet werden sollen. Initianten sind der Spitzenkoch Oskar Marti, bekannt als Chrüter-Oski, und Zeichner Oskar Weiss, die unter dem Namen «Cocolino» bereits viele Kochprojekte für Kinder ins Leben gerufen haben. Gemeinsam mit IP-Suisse, einer landwirtschaftlichen Organisation, entwickelten sie die Idee des Bauerngartens.

Am Mittag kommt die Ernte auf den Tisch

In diesem Jahr gibt es bereits fünf Bauerngärten, für 2010 sind ein Dutzend geplant. «Die Schüler sollen lernen, welche Arbeiten hinter unseren Nahrungsmitteln stecken und dass die Natur einen entscheidenden Einfluss auf das Gelingen der Kulturen hat», sagt IP-Suisse-Projektleiter Peter Althaus. Für Schulklassen ist die Teilnahme gratis, die Bäuerinnen – und im nächsten Jahr auch der erste Bauer – erhalten einen Unkostenbeitrag.

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Für Bäuerin Weber ist das Projekt vor allem eine Gelegenheit, ihr Wissen weiterzugeben – und natürlich auch dafür, noch mehr Garten anzulegen. Die Pflanzenliebhaberin hat bereits einen riesigen Garten: «Dank den Kindern konnte ich ihn sinnvoll vergrössern.» Jetzt zeigt sie dem Schüler-Quartett, was zu tun ist: Doris und Melissa ernten Karotten, Natascha schneidet Salbeizweige. Fenchel wird aus der Erde gezogen, und Daniel schneidet zwei Zucchetti ab. Die Ernte bestimmt derzeit den Menüplan in der Schulküche, denn Hauswirtschaftslehrerin Gaby Steimann richtet ihren praktischen Unterricht nach den Zutaten, die im Garten wachsen. Sie ist die Verantwortliche der Schule für das Projekt. Als krönenden Abschluss wird sie am 22. Oktober einen Elternabend organisieren, bei dem die Kids die Herbsternte aus dem Garten auftischen werden.

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Sie gibt ihre grosse Erfahrung im Gärtnern gern an die Jugend weiter: Bäuerin Trudi Weber

Quelle: Alexander Jaquemet

Auch Kinder vom Land wissen nicht alles

Aber vorerst gibts in Trudi Webers Garten Süssmost und hausgemachten Kuchen. Und die Frage: Brauchen denn Kinder in Utzenstorf, einem Dorf mit 4100 Einwohnern, das Projekt Bauerngarten überhaupt? Sie wohnen doch auf dem Land und wissen, dass Milch und Gemüse nicht in der Migros oder im Coop wachsen. «Erstaunlicherweise wissen auch hier auf dem Land viele Kinder nicht mehr, wann welches Gemüse Saison hat», sagt Lehrerin Steimann. Und die Kinder führen noch einen anderen Grund ins Feld, weshalb ein Schul-Bauerngarten eine tolle Sache ist: «Es ist halt schon viel cooler, mit den Freunden aus der Schule zu gärtnern als daheim mit den Eltern», sagt Daniel.

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Auch dass unter der Woche – auch während der Sommerferien – Zweierteams den Garten besuchen und Arbeiten wie Giessen, Hacken, Säen erledigen mussten, scheint der Begeisterung keinen Abbruch zu tun; die Einträge im Gartentagebuch der Schulklasse bestätigen das. «Man konnte dafür auch immer mal wieder etwas nach Hause nehmen, Gemüse oder Blumen», erzählt Natascha. Und Doris: «Es ist faszinierend, wenn man zuschauen kann, wie etwas wächst, was man selber gesät hat.» Einzig das Buddeln in der Erde, sich dreckig machen und faule Blätter ablesen sei nicht so ihr Ding, gesteht Melissa.

Beladen mit vier Kilo Karotten und ebenso vielen Kartoffeln, mit Fenchel, Zucchetti und frischen Kräutern, kommen die Schüler mit Lehrerin Steimann zurück ins Schulhaus. Um 10.15 Uhr beginnt der Hauswirtschaftsunterricht. Es gibt Fenchel und Rüebli aus dem Dampfgarer, Backofenkartoffeln und dazu Saltimbocca. Als Dessert folgt eine kleine Überlistung: Muffins mit Zucchetti (siehe Rezept).

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Es sind Riesenzucchetti, die die Jugendlichen heute früh geerntet haben – und als sie in der Schulküche auf den Tisch kommen, erklingt ein mehrstimmiges «Wäh!». Doch, um es gleich vorwegzunehmen: Als dann die Muffins auf den Tisch kommen, ist es ruhig – und die Reaktionen sind durchwegs positiv. Daniel, Melissa, beide zu Anfang noch sehr skeptisch, loben die Muffins. Der Trick von Lehrerin Steimann ist aufgegangen. Aber eigentlich ist das mit dem Gemüseverzehr seit dem Bauerngarten sowieso einfacher geworden: «Schüler, die in diesem Projekt mitmachen, essen im Schnitt mehr Gemüse als andere», sagt Steimann.

«Es ist faszinierend, wenn man zuschauen kann, wie etwas wächst, was man selber gesät hat»:Doris

Quelle: Alexander Jaquemet
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«Es ist halt schon viel cooler, mit den Freunden aus der Schule zu gärtnern als daheim mit den Eltern»: Daniel

Quelle: Alexander Jaquemet

Kräuterkunde auf dem Stundenplan

Heute sind allerdings Kräuter das Hauptthema des Hauswirtschaftsunterrichts. Rosmarin, Pfefferminz, Basilikum beispielsweise. Und hier zeigt sich doch, dass auch Kinder vom Land das Grünzeug nicht in- und auswendig kennen. «Was ist das?», fragt die Lehrerin in die Runde, in der Hand einen Zweig Pfefferminze. Manche Schüler schütteln ratlos den Kopf. Und beim Kochen, als es darum geht, den Salbei auf die Saltimboccas zu spiessen, stehen wiederum einige ratlos vor den Kräuterbüscheln: «Weles isch scho wieder dr Salbei?»

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Kurz nach zwölf Uhr ist das Essen bereit. Es gibt Tellerservice. Jeder schöpft, wozu er gerade Lust hat. Auf manchen Tellern ist kein Gemüse zu sehen. Es muss niemand etwas essen, was er nicht gerne hat. Und schliesslich gibt es ja noch die Muffins zum Abschluss – und dort ist Zwang eindeutig überflüssig.

Zucchetti-Muffins

Gemüse im Kuchen? Rüeblitorten kennt jeder. Aber auch mit Zucchetti gelingen feine Kuchen – oder eben Muffins:

  • 100 Gramm weiche Butter
  • 2 Eier
  • 100 Gramm Zucker
  • 1 Prise Salz
  • 1 Kaffeelöffel Vanillezucker
  • 200 Gramm Zucchetti, geraffelt (ohne Schale und Kernen)
  • 2 Esslöffel Schokoladepulver
  • 2 Esslöffel Haselnüsse, gemahlen
  • 200 Gramm Mehl
  • 2 Kaffeelöffel Backpulver


Zubereitung:
Butter mit dem Schwingbesen aufschlagen. Eier, Zucker, Salz hinzufügen und schaumig schlagen. Mit Vanillezucker, Zucchetti, Schokoladepulver und Haselnüssen mischen, gut verrühren. Mehl und Backpulver dazugeben und unterrühren. In Förmchen füllen und im auf 200 Grad vorgeheizten Ofen etwa 20 Minuten backen.

Bauerngarten 2010

Schulklassen und ihre Lehrer oder auch Bäuerinnen, die an einer Teilnahme im Projekt Bauerngarten interessiert sind, können sich bis Ende 2009 melden bei:

IP-Suisse
Peter Althaus
Projektleiter TerraSuisse
Rütti
3052 Zollikofen
Tel. 031 910 60 00
E-Mail: althaus.peter@ipsuisse.ch

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