03_00_kueche.jpgRosina Dalböck war kein besonders angenehmer Mensch. Nicht dass ihre Rundlichkeit abstossend gewesen wäre. Der langsame, wiegende Gang liess Gemütlichkeit erahnen, das pausbäckige Gesicht, die stämmigen Arme hätten sie zur Idealbesetzung für die Rolle von Frau Holle gemacht. Nein, an Äusserlichkeiten lag es nicht und sicher auch nicht an mangelndem Fleiss. Aber Rosina Dalböck hatte ein ungeheuer bissiges, sogar gefährliches Mundwerk. Nichts, das sie nicht ungefragt mit beissenden Worten kommentierte. Nichts, das vor ihren verbalen Angriffen verschont blieb. Als kleiner Bub hatte ich deshalb grossen Respekt vor ihr.

Dennoch: Seit Rosina in das heruntergekommene Haus am Ende unserer Strasse gezogen war, hatte es sich zu seinem Vorteil verändert. Die Sträucher wurden zurückgestutzt, die Bäume ausgeputzt. Blumenbeete entstanden entlang dem Lattenzaun, und in den dahinter liegenden Gemüsebeeten wuchsen fette Kopfsalate und Legionen von Karotten. Das Haus erhielt einen frischen Anstrich, die Fensterläden ebenso, und inmitten der perfekten Idylle stand die schimpfende Rosina.

Die Zahlenreihe auf dem Unterarm

Frau Dalböck hatte einen Sohn namens Augustus, der dieselbe Klasse wie ich besuchte und mein Schulkamerad wurde. Augustus, der durch seinen ungewöhnlichen Namen und seine genauso ungewöhnliche Mutter ideales Opfer für den Spott anderer Schüler war, stellte sich damit unter meinen Schutz. Er machte bei uns daheim seine Hausaufgaben und nahm bei uns das Mittagessen ein. Seine Mutter konnte dadurch an ihrem Arbeitsplatz in der Seidenfabrik eine kürzere Mittagspause machen.

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So kehrte sie abends früher nach Hause zurück und holte Augustus bei uns ab. Bald einmal erklärte Rosina Dalböck meiner Mutter die richtige Aufzucht von Geraniumschösslingen, gab ihr Tipps für den Garten und übernahm als Dankeschön für geleistete Hütedienste den Abwasch des Abendgeschirrs. Seltsam: Rosina entledigte sich dafür zwar ihres Mantels, der Strickjacke, sogar des Kopftuchs, doch nie rollte sie die Ärmel ihrer Bluse zurück selbst im heissesten Sommer nicht.

Dann führte meine Mutter für Hausarbeiten Gummihandschuhe ein. Rosina schimpfte zwar ganz entsetzlich über dieses «so wenig schlupfige» Zeugs, gewöhnte sich dann aber doch daran; sie rollte ihre Blusenärmel sogar bis zum Ende der glitschigen Handschuhe auf. So sah ich eines Abends, was Rosina Dalböck offensichtlich stets zu verbergen suchte: Wie mit Kugelschreiber geschrieben, stand auf ihrem Unterarm eine lange Reihe von Zahlen. Beim Abtrocknen fragte ich sie mit kindlicher Neugier danach. «Das ist meine Telefonnummer, weil ich sie immer vergesse», meinte sie, zog den Blusenärmel wieder darüber und setzte ihre Arbeit fort.

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Süsse Träume in der Bitterkeit

Beim Zubettgehen berichtete ich meiner Mutter davon. Sie schwieg zuerst, setzte sich dann an mein Bett und erzählte mir, dass Rosina Dalböck als junge Frau nach Auschwitz gebracht worden war und von dort eben diese Nummer zurückgebracht habe. Meine Mutter forderte mich auf, den Wunsch von Frau Dalböck zu respektieren und nicht darüber zu reden. Ich musste ihr das gar mit einem grossen Ehrenwort versprechen. Was kleinen Buben sonst schwer fällt, befolgte ich für dieses eine Mal.

Rosina Dalböck kam weiterhin zu uns; Augustus blieb mein Aufgabenpartner. Ab und zu brachte er einen Kuchen mit, den seine Mutter gebacken hatte, was uns einen weiteren Einblick in Frau Dalböcks Leben ermöglichte.

Als junges Mädchen hatte sie in einer süddeutschen Klosterküche gearbeitet und sich dort ein riesiges Süssspeisenrepertoire angeeignet. Fein säuberlich hatte sie sich die vielen Rezepte in ein schwarzes Wachstuchheft notiert, und dieses begleitete sie auf ihrem ganzen weiteren Lebensweg. Es überdauerte sogar die Schrecken des Konzentrationslagers.

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Es muss nicht Fallobst sein

In Zeiten des grössten Hungers und Elends hatte die junge Frau jeweils in ihrer Rezeptsammlung gelesen, hatte sich, so erzählte sie später einmal, jeweils alle diese Köstlichkeiten vorgestellt und sei darob sogar ab und zu eingeschlafen.

Aus dem schwarzen Wachstuchheft stammt der Birnen-Honig-Kuchen, wie Sie ihn heute rezeptiert finden. Rosina Dalböck bereitete ihn jeweils im Herbst zu, wenn sie Fallobst sammelte. Er lässt sich aber auch aus Lagerobst, wie Sie es jetzt in den Läden finden, genauso perfekt herstellen.

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