Für Palermo ist acht Uhr früh noch mitten in der Nacht. Zwar steht die Junisonne zu dieser Stunde schon hoch am Himmel, doch die Palermer kann sie nicht zum frühen Aufstehen motivieren. Kein Wunder: In Sizilien verlängert sich der Tag bis gegen Mitternacht. Erst dann fallen die Temperaturen in jene Regionen, bei denen man gemütlich schlafen kann.

Wer also am frühen Morgen in Palermo unterwegs ist, hat Wichtiges zu tun. Man ist etwa einer der Lebensmittelhändler auf einem der drei grossen Märkte der Stadt. Oder man ist eine der vielen Hausfrauen, einer der vielen Dienstboten, Köche oder Restaurateure, die sich hier tagtäglich mit frischen Nahrungsmitteln eindecken.

Einkaufen bis zum Sinnesrausch

Was Palermos Märkte so einzigartig macht, ist das Riesenangebot an Nahrungsmitteln. Hier bleiben keine Wünsche offen. Zu den Köstlichkeiten, die man tagesfrisch einkaufen kann, kommen fixfertige Spezialitäten, die es nur hier, direkt bei den Produzenten, zu kaufen gibt: Gerichte, die den verwöhnten Gaumen der Palermer entzücken und den Touristen von der langen und ereignisreichen Geschichte dieser Gegend erzählen.

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Zum Beispiel Grano: der eingeweichte und danach weich gekochte pürierte Weizen, den die Bauern der Umgebung aus grossen, dampfenden Töpfen schöpfen. Damit bereiten die Sizilianer Salate und köstliche süsse Kuchenfüllungen zu. Grano ist eine uralte Spezialität, die sich aus vorrömischen Zeiten in die Gegenwart hinübergerettet hat. Damals war das Mahlen von Getreide eine langwierige und mühselige Angelegenheit. Grano hingegen liess sich leicht zu Hause kochen.

Sollten Sie Lust auf fixfertige Süssigkeiten haben, dann stellen Sie sich beim Caramelliere an. Dieser kocht und zieht vor Ihren Augen, was man sich an Bonbons nur wünschen kann: Bonbons gegen Halsschmerzen, saure Drops zur Erfrischung oder einfache Milchkaramellen.

Auf das arabische Erbe der Insel treffen wir, wenn wir einen der inzwischen seltenen Acquavitari treffen einen Wasserverkäufer. Lassen Sie sich von ihm einen Zammù mischen das Lieblingsgetränk der Palermer. Zuerst giesst der Acquavitaro zwei Esslöffel Anisschnaps (Anice per acqua) in ein Glas, dann füllt er es virtuos mit Wasser auf und schon entwickelt sich das stark nach Anis duftende, milchig-trübe, kühlende Getränk.

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Fast Food mit langer Tradition

Eingefleischte Sizilianerinnen und Sizilianer verlangt es auf dem Markt eher früher als später nach Stigghiole. Das sind Lamminnereien, die auf einem Holzkohlegrill langsam knusprig gegart werden. Der Verkäufer packt sie direkt vom Rost in ein Stück Pergamentpapier, lässt etwas Salz darüber rieseln und fertig ist der frühmorgendliche Imbiss.

Kein sizilianischer Markt ohne die Granità-Verkäufer mit ihren fahrbaren Bars. Auf der Verkaufsfläche liegt ein grosses Stück Eis, dahinter reihen sich Flaschen mit poppig-buntem Inhalt zur attraktiven Batterie aneinander. Der Gelatiere schabt ein Häufchen Eiskristalle vom grossen Eisstück auf einen Pappteller und giesst danach den gewünschten Sirup aus einer der Flaschen darüber. So entsteht im Handumdrehen eine grüne Minz-, eine gelbe Orangen- oder eine weisse Mandel-Granità.

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Auch diese Delikatesse geht in die antike Vergangenheit zurück. Reiche Römer parfümierten damals Eis mit kostbarem Eukalyptusöl. Diese Nachspeise brachte die Verdauung nach einem allzu reichen Mahl wieder in Ordnung.

Alle diese Delikatessen wären jedoch nichts ohne die lauten Rufe der Marktfahrer und die vielen verschiedenen Düfte, die wie dichte Wolken über den Plätzen liegen. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, diesem lauten und intensiven Ansturm auf die Sinne lange zu widerstehen. Schon kauft man dies, geniesst jenes, lässt sich auf das vorsichtige Kosten einer Hand voll Stigghiole ein oder geniesst ein Schüsselchen der fixfertigen Caponata di melanzane, wie ich sie Ihnen heute vorstelle. Ich verspreche Ihnen: Diese Köstlichkeit schmeckt heiss oder zimmerwarm unter dem Sonnenschirm zu Hause genauso gut wie am Marktstand in Palermo. Und sie lässt sich erst noch leicht zubereiten.

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