Den englischen Namen hat Carol Franklin von ihrem Vater, der mit der Familie in Nordengland lebte. Eine bleibende Erinnerung an diese Zeit ist die Schulküche, die sie ohne Umschweife als widerlich bezeichnet. Als Spätfolge mag sie heute noch keinen Kohl riechen. Ansonsten ist die ehemalige WWF-Geschäftsführerin nicht heikel und verwertet grundsätzlich alles, was in ihrem Garten wächst: Gemüse, Salate, Beeren, aber auch Kräuter, als Gewürze oder Tee. «Bei uns gibt es kein Unkraut, es kommt alles auf den Tisch.»

Carol Franklin kocht und redet und redet und kocht. Um den Faden nicht zu verlieren, liest sie im Rezeptbuch nach, wies weitergeht. Sie ist stolze Besitzerin von einem Dutzend Betty-Bossi-Kochbüchern. «Da beginne ich links oben zu kochen, und wenn ich rechts unten angelangt bin, ist das Menü gelungen.» Ausser sie lässt sich ablenken, was durchaus vorkommt: Einmal hat sie einen Topf Spaghetti auf die Herdplatte gestellt und sich dann längere Zeit in ein spannendes Buch vertieft. Oder sie vergass den Tomatensalat mit Mozzarella, der für die Gäste bestimmt gewesen wäre, im Kühlschrank.

Die Küche des Einfamilienhauses im zürcherischen Stallikon ist eher klein. «Das Haus wurde in den sechziger Jahren gebaut, da genügte es, wenn man in der Küche eine Büchse öffnen konnte. Immerhin ist sie nach unserem Umbau fast doppelt so gross wie früher.» Was sich in Franklins Familie nicht verändert hat, ist die Rollenverteilung beim Einkaufen und in der Küche. Beides übernimmt die Hausfrau, und zwar nicht ungern. Klar, dass sie Qualität und Preise der Produkte kennt: «Wenn immer möglich kaufe ich Bioprodukte, und ich weiss, was sie ungefähr kosten. Wobei ich das Geschrei um die Preise nicht ganz begreife. Der Anteil der Lebensmittel am durchschnittlichen Haushaltsbudget beträgt ja nur neun Prozent.»

Ein paar Details in der Küche delegiert Carol Franklin an ihren Mann Ruedi Engler. Wenn beispielsweise ein Cordon bleu gebraten werden soll, steht er in der Küche. Heute wird er herbeizitiert, um die Salatsauce zu machen. «Das ist mir zu blöd», sagt sie schmunzelnd und gibt dem ehemaligen Berufsoffizier einen klaren Auftrag, den dieser, zwar ohne zu widersprechen, aber erst nach zweimaligem Mahnen erfüllt. Inzwischen zieht sie die Gummistiefel an und verschwindet mit den Grünabfällen im Garten, um die Kaninchen zu füttern. «Sie fressen fast alles.

Am liebsten Teigwaren.» Im Vorbeigehen pflückt sie ein paar essbare Blüten: Ringelblumen-, Kapuziner- und Borretschblüten als Farbtupfer für den Salat.

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Carol Franklin hat ihre Ess- und Trinkgewohnheiten im Lauf der Zeit verändert. Als sie Personalchefin der Swiss Re (damals Schweizer Rück) war, gehörten Geschäftsessen zur Tagesordnung. Da wurde, auch am Mittag, regelmässig Wein getrunken. «Mein Mann machte mich eines Tages darauf aufmerksam, dass ich, streng genommen, Gefahr lief, Alkoholikerin zu werden. Seither trinke ich praktisch nichts mehr.» Auch das Essen in Restaurants ist ihr verleidet. «Ich esse lieber, was ich selber gekocht habe.»

Heute gibts einen Nudelauflauf mit Pilzen. Parallel zum Hauptgang laufen die Vorbereitungen fürs Dessert. Die Glacemaschine rotiert, der Blätterteig ist im Ofen, die Brombeeren werden gewaschen, der Zucker gewogen, das Eiweiss geschlagen. Dann werden Gewürze für den Auflauf gesucht: Carol Franklin hat sie gern alphabetisch geordnet, aber die Putzfrau bringe sie immer wieder durcheinander. Zwischendurch hat sie das Kochgeschirr abgewaschen und zeigt uns jetzt im Keller den Schrank mit den Gläsern voll getrockneter Teekräuter. Himmel, wenn ich nur selber nicht den Faden verliere.

Die Frau, die fast Direktorin des Bauernverbands geworden wäre, berichtet von ihrer Arbeit als Geschäftsleiterin der Stiftung In the Spirit of Davos, die für Globalisierungsbefürworter und -kritiker eine Dialogplattform schaffen soll. Deshalb versucht Carol Franklin in vielen Gesprächen mit Leuten aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur herauszufinden, was man von so einer Stiftung erwartet. Eines weiss sie jetzt schon: «Wenn wir wollen, dass man uns ernst nimmt, dürfen wir nicht nur reden, sondern müssen auch handeln.» Ebenfalls klar ist, dass der Name der Stiftung geändert werden muss. Zu sehr weckt er den Eindruck, es bestehe eine direkte Verbindung zu den Organisatoren des WEF.

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Jetzt dürfen wir uns hinsetzen. Das Essen steht auf dem Tisch, und plötzlich sind alle Anwesenden schweigend in ihre Teller vertieft. Der knusprige Auflauf und der farbige Salat schmecken ganz ausgezeichnet. Mein Kompliment an die Köchin kommt offensichtlich gut an, sie strahlt über das ganze Gesicht. «Darum koche ich sehr gern für Gäste: Man wird unaufgefordert gelobt. Innerhalb der Familie muss man die Lorbeeren meistens selber einholen.» Doch bei der Brombeertorte, die zum Dessert aufgetischt wird, ist das diesmal nicht nötig.

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