Xiaojing Wang feiert das chinesische Neujahrsfest gern in Zürich-Schwamendingen. Zwar nimmt auch sie ab und zu an der Völkerwanderung teil, die jährlich in Fernost stattfindet, wenn über eine Milliarde Chinesen zum Jahresbeginn aus aller Welt und allen Provinzen des Landes zu ihrem Heimatort pilgern. Aber das sei jedes Mal «sehr anstrengend». Traditionell dauert das Fest 15 Tage, viele feiern immerhin eine Woche. Eltern, Verwandte, Nachbarn und Freunde werden dann besucht und die Kinder mit roten Tütchen voller Geld beschenkt. Xiaojing Wang muss das nicht jedes Jahr haben. Dennoch denkt sie jeweils wehmütig an die Heimat und lädt chinesische und Schweizer Freunde zum Neujahrsmahl in ihre kleine Wohnung ein. So auch anlässlich des Jahrs der Ratte, das am 7. Februar begonnen hat. Die Freunde lassen sich nicht lange bitten. «Ich hoffe jedes Jahr, dass sie mich wieder einlädt», sagt Daniel Rüegg, einer der Gäste. «Sie kocht wunderbar. Ich sage ihr immer, sie solle ein Restaurant eröffnen.»

Im Zentrum des kulinarischen Geschehens stehen die Jiaozi, gefüllte Teigtaschen. «Jiao» klingt ähnlich wie das chinesische Zeichen für «verbinden». Und so symbolisieren die Jiaozi denn auch die Verbindung von altem und neuem Jahr und der feiernden Menschen untereinander.

Ein Festmahl - für Leib und Seele
Die ersten zwei Gäste an diesem Abend, die Wirtschaftsstudentin Danting Wang und der Biochemiker Chuangsheng Zhang, werden sofort in die Miniküche verwiesen, um die Füllung für die Jiaozi vorzubereiten: ein duftendes Gemisch aus Chinakohl, gehacktem Schweinefleisch, Ingwer, Sesamöl und Reiswein. Die Gastgeberin selber knetet derweil den Teig aus Weissmehl. Sie erzählt, dass die Jiaozi ausser am Neujahrstag auch am «kältesten Tag im Jahr» gegessen werden müssen: «Wer dann kein Jiaozi isst, dem friert ein Ohr ab.» Nicht umsonst können alle Chinesen Jiaozi kochen.

Nachdem auch die restlichen Gäste eingetroffen sind, wird der Küchentisch aus Platzgründen ins Wohnzimmer getragen, dann werden die Aufgaben verteilt: Rhythmisch plättet Xiaojing Wang mit einem Wallholz kleine Teigfladen, die Finanzanalytikerin Chun Song und die Schülerin Johanna Lindenstruth füllen sie und drücken anschliessend die Teigränder zusammen. Songs Ehemann Dongbin Huan, ein Umweltnaturwissenschaftler, bereitet unter Anleitung der Gastgeberin in der Küche eine Lachsforelle zu. Biochemiker Zhang macht derweil den Salat parat: Er schnippelt grünes, gelbes, rotes und weisses Gemüse - die Farben sollen den Frühling symbolisieren. Zudem sind es acht Sorten Gemüse. Denn die Acht ist die Glückszahl der Chinesen. So werden auch die Olympischen Spiele am 8. August 2008 um acht Uhr morgens eröffnet.

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Es wird gelacht und erzählt. In Mandarin, Englisch, Hoch- und Schweizerdeutsch. Die Vorbereitung dauert drei Stunden, und der Appetit wächst zusammen mit den Jiaozibergen. Am chinesischen Neujahrsessen werden immer grosse Mengen gekocht: Um das Glück wohlwollend zu stimmen, sollte vom Festmahl etwas übrig bleiben. Auch die rote Farbe der Tischdekoration, der Servietten, der Kerzen und von Xiaojing Wangs Pullover sollen Glück bringen. Nicht ins Konzept passt der eckige Tisch, für den sich Wang mehrmals entschuldigt. Denn ebenfalls wegen des Glücks sollte man eigentlich an einer runden Tafel essen, um die die Anwesenden einen geschlossenen Kreis bilden - kann ein Gast nicht kommen, wird trotzdem ein Gedeck hingelegt.

Das Kreuz mit den Stäbchen
Als das Essen bereit ist, stellen die Gäste - wie es sich bei einem chinesischen Festmahl gehört - alles gleichzeitig auf den Tisch: die Jiaozi, den mit Sellerie, Lauch, Paprika und frischem Koriander gefüllten Fisch und den Salat. Zum Fest gehört auch ein Glas Rotwein. Zwei Deziliter pro Person reichen aus, um die Lachsalven zu vervielfachen; viele Chinesen und Japaner verfügen nur über wenig ADH - ein Enzym, das den Alkohol im Körper abbaut.

Die Gastgeberin erhebt das Glas, dankt für das vergangene Jahr und wünscht das Beste fürs nächste. Alle stossen an, dann gehts los. Gegessen wird mit Stäbchen direkt aus den Schüsseln, kreuz und quer über den Tisch, unter- und oberhalb der Arme der Gäste hindurch. Auf dem eigenen Teller ist nur die Sauce, in die man die Jiaozi tunkt. Den Schweizer Gästen gelingt die Stäbchenakrobatik nicht immer, so dass die Jiaozi wiederholt in die Sauce platschen. Alle sind sich einig: Es schmeckt himmlisch. Schon bald liegen nur noch die obligaten Reste in den Schalen.

Xiaojing Wang schaut zufrieden in die Runde. «Musik?» Schon erklingt aus einem kleinen Zimmer nebenan eine chinesische Melodie, gespielt von der Schülerin Johanna Lindenstruth. Sie sitzt an der Guzheng, einer Art Zither. Xiaojing Wang ist ihre Lehrerin. Aufmerksam beobachtet sie die Handgriffe ihrer Schülerin, während die anderen Gäste sich hinter sie drängen. Nach zwei weiteren Stücken und langem Applaus verschiebt sich die Gruppe wieder ins Wohnzimmer. Die Gastgeberin setzt auf der chinesischen Kniegeige, der Erhu, an und spielt ein typisches Neujahrslied. Heimweh wird spürbar. Dongbin Huan singt leise mit. Auch beim nächsten Stück. Beim dritten beginnt das Nachbarsmädchen Zuyuan Wang, das gerade erst aufgetaucht ist, spontan zu tanzen. Wieder langer Applaus. «Früher», erzählt Xiaojing Wang, «haben die Leute an Neujahr immer Musik gemacht. Heute schauen sie die Gala des Staatsfernsehens.» Das macht sie traurig. Sie ist Musikerin mit Leib und Seele, spielte mit Andreas Vollenweider, dem Warschauer Sinfonieorchester und im Tonhalle-Orchester. Nebenbei ist sie Sinologin, Chinesischlehrerin, Musikethnologin und Informatikerin.

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Gong Fu Cha - die Teezeremonie
Am Esstisch bereitet Chun Song das Dessert vor, die Tangyuan. Sie nimmt kleine Reisteigfladen in die Hand und füllt sie mit einer süssen roten Bohnenpaste - die Tangyuan sollen ein süsses Jahr bringen. Während sie mit ihren schmalen Fingern sorgfältig die Fladen zu Kugeln formt, hebt ihr Gatte mit dem Stimmvolumen eines Operntenors spontan zu einem Lied an. Alle Gäste essen danach zwei Kugeln. Sie schmecken für westliche Gaumen ungewohnt, der Teig ist dick und wässrig.

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Inzwischen ist es elf Uhr abends. Zeit für Gong Fu Cha, die Teezeremonie. Xiaojing Wang trägt das Set herein: ein klitzekleines Kännchen aus Ton, für jeden ein Minitässchen, eine Kanne mit heissem Wasser und einen Beutel mit exklusivem Tee. Alles steht auf einem Teetisch mit Auffangschale. Wang setzt sich dahinter, während sich die Gäste um den Tisch gruppieren. So gehört es sich. Alle beobachten still das rituelle Aufgiessen des Tees. Die Tässchen werden mehrmals unter Einhaltung einer strikten Reihenfolge gefüllt. Getrunken wird auf die fünf Tugenden Freundlichkeit, Wohlwollen, Respekt, Askese und Zurückhaltung. Man nimmt kleine Schlückchen und lässt Duft und Geschmack auf sich wirken.

Wären die Musikerin und ihre Gäste in China, würden sie nach der Teezeremonie Knallkörper anzünden, um das neue Jahr gehörig willkommen zu heissen. Doch in Schwamendingen herrscht Nachtruhe. Nur ein Jet darf kurz vor Mitternacht abheben und über die Dächer hinwegdröhnen. Nächstes Jahr wird vielleicht auch Xiaojing Wang wieder drinsitzen.

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Gefüllte Teigtaschen Rezept für vier Personen
750 Gramm Mehl
4 bis 5 Deziliter
lauwarmes Wasser
Mehl in eine Schüssel geben und gerade so viel Wasser unterkneten, dass ein geschmeidiger, fester Teig entsteht. Eine Stunde zugedeckt ruhen lassen, am besten im Kühlschrank.
500 Gramm Schweinsgehacktes
2 Esslöffel Reiswein
2 Esslöffel Sojasauce
Sesamöl
Hackfleisch mit Reiswein, Sojasauce und Sesamöl mischen.
1 Kilogramm Chinakohl Chinakohl sehr fein hacken, grosszügig salzen und in einer Schüssel ruhen lassen. Nach 30 Minuten gut auspressen, dann unter die Fleischmasse mischen.
1 walnussgrosses Stück Ingwer sehr fein hacken.
2 Bund Jiucai (chinesischer Schnittlauch) oder eine Stange Lauch oder Frühlingszwiebeln sehr fein hacken und zusammen mit dem Ingwer ebenfalls unter das Fleisch mischen.
Den Teig in Portionen teilen, diese zu Rollen von zwei Zentimeter Durchmesser formen und in gleichmässige Stücke von 1,5 Zentimeter Länge schneiden. Jede Portion zu runden Teigscheiben von sieben bis acht Zentimeter Durchmesser ausrollen. Die Stücke sollten zum Rand hin dünner werden. Auf die Mitte jeder Scheibe etwas Füllung geben. Die Ränder zusammenklappen und gut zusammendrücken. Einen grossen Topf mit Wasser aufsetzen und eine Schüssel kaltes Wasser bereitstellen. Wenn das Wasser kocht, die Teigtaschen hineingeben - etwa 20 aufs Mal. Jiaozi sollten nur sieden, deshalb immer wieder etwas kaltes Wasser zugeben, sobald das Wasser sprudelt. Sobald das Wasser zum dritten Mal aufkocht und die Jiaozi an die Oberfläche steigen, die Teigtaschen mit einem Schaumlöffel herausnehmen und servieren. Die Sauce stellt sich jeder Gast nach Belieben zusammen, und zwar aus dunklem Reisessig, Sojasauce, fein gehacktem Knoblauch und fein gehackten Chillies.
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