Was, ums Himmels willen, fangen wir nur an mit all unserer eingesparten Zeit? Vor 50 Jahren legte ein Arbeiter zwei Stundenlöhne für ein Kilo Emmentaler hin; heute hat er sich den gleichen Käse nach drei viertel Stunden verdient. Kaufte sich der Grossvater mit seinem Durchschnitts-Stundenlohn neun Eier, erhält sein Enkel für eine Stunde Arbeit 46 Eier. Doch so viele Eier braucht er nicht also arbeitet er weniger lang. Vor 100 Jahren wurde in Schweizer Haushalten täglich während sieben Stunden gerüstet, gebraten, gekocht. Heute lässt sich ein weit vielfältigerer Speiseplan in weniger als einer Stunde bewältigen. Und mit der modernen Küche können wir sogar etwas für Gesundheit und Schönheit tun (dank Vitaminzusätzen oder cholesterinsenkenden Substanzen). Wir sparen also gleich dreifach Zeit.

Alle Statistiken belegen: Wir arbeiten weniger und leben besser. Schöne neue Welt. Wie unsere Titelgeschichte zeigt (siehe Artikel zum Thema «Convenience-Food: Erfolgsrezept der Nahrungsindustrie»), herrscht im Geschäft mit unserem Essen Aufbruchstimmung: Die Umsätze explodieren, es wird im Drei-Schichten-Betrieb (vor-)gekocht. Und es wird konsumiert koste es, was es wolle.

Der Beobachter stimmt nicht mit ein ins grosse Gejammer der Zivilisationskritiker. Denn nirgends so wie beim Essen haben wir die Wahl. Bioprodukte oder Vegetariermenüs wurden erst durch eine entsprechende Nachfrage erzwungen. Mangels Interesse verschwinden dafür ganz allmählich Kalbshirn und Rollmops aus der Auslage und vom Teller. Die Kundin ist Königin, und der Kunde bestimmt mit seinem Konsumverhalten die Speisekarte in den Restaurants.

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Essen ist und bleibt eine Frage des Geschmacks. Doch was ist uns das Frische, Natürliche, Unverfälschte wert? Das ist keine Frage des Geldes, sondern der Zeit: Wollen wir uns den Aufwand fürs gepflegte Kochen leisten oder wollen wir mehr Freizeit?

Die Wirtschaft hat auch hier vorgesorgt. Das ganz grosse Geschäft macht sie ohnehin nicht mit dem Zeit sparenden Essen, sondern mit unserer zunehmenden Freizeit. Auch dafür gibts immer mehr vorfabrizierte Angebote: genormte Unterhaltung, durchorganisierte Fröhlichkeit, vordefinierter Zeitgeist. Unsere eingesparte Zeit, unsere mühsam erworbene Freizeit wird zur «Convenience Time». Und ganz allmählich begreifen wir: Wenn wir uns die Freizeit organisieren lassen, gewinnen wir noch mehr Freizeit. Nur: Was fangen wir damit an?